PJ/8 "Hoek"

 Der Sprung nach Hoek von Holland ist kurz. Beinahe wie ein Sprint. Unsere Planung wird von mal zu mal besser. Heute ist der 24. November und wir sind um 1100 gestartet. Jetzt reiten wir mit fast sieben Knoten auf der Gezeitenwelle Richtung Maasmündung. Die Zeichen stehen gut, dass der Strom eben dann kippen wird, sobald wir das Fahrwasser Richtung Rotterdam erreichen und uns Flussaufwärts schieben wird.

Hoek ist nur ein Wegpunkt, denn dort gibt es keinen geeigneten Hafen für eine Yacht. Wir müssen weiter Flussaufwärts und ins Landesinnere. Also fahren wir wieder mit allem was wir haben, vor allem da der Wind fast genau gegen uns steht. Die See wirkt heute friedlicher als erwartet. Die Wellen sind klein und bilden eine buckelige Oberfläche wie eine alte Terrasse aus Naturstein. Doch ihr opakes Smaragdgrün offenbart ihren verschlagen Charakter. Der Himmel macht an diesem Mittag auch keinen beständigen Eindruck. Wie mit kaltem Atem hingehaucht steht er voll zerissener Wolken. Wir behalten unser Tempo bei, denn wir wollen noch vor der Dunkelheit den Hafen erreichen.


Wie nach dem Lehrbuch melden wir uns eine Meile vor der Einfahrt bei der Hafenmeisterei. Ein kluger Zug, wie sich herausstellen wird. Doch noch haben wir es nicht in den "Nieuwe Waterweg" hineingeschafft. Wir kommen näher und mit jeder Kabellänge wachsen die Wellen. Ein ähnlicher Effekt wie wir ihn vor Helgoland erfahren haben. Doch die Wellen malen hier ein anderes Bild. Wie endlos breite Walzen aus kaltem Stahl rasen sie diagonal auf die Einfahrt zu. Wir stecken mittendrin und Jenny hält tapfer das Ruder. Obwohl die Wellen ordentlich aufgereiht, fast wie mit dem Lineal gezogen, aus der selben Richtung kommen ist ihre Kraft brachial und erfordern beherztes steuern. Je näher wir der Einfahrt kommen, desto langsamer werden wir. Der Strom hat sich noch nicht gedreht. Wir sind also ein bisschen früh dran dieses Mal. Aber besser zu früh als zu spät.
Kaum sind wir drinnen werden wir auch schon angefunkt und delegiert. Das gute daran ist, man hat uns wortwörtlich auf dem Schirm. Das gibt uns einen kleinen Schutz gegenüber der Unmenge von Rieseneimern die steuerbords und backbords an uns vorbei dröhnen.
Mit der Einfahrt bei Hoek von Holland entern wir den Seehafen von Rotterdam. Der sogenannte Europoort ist der größte Hafen Europas und trägt seinen Namen zurecht. Ein immenser Teil der Im- und Exporte Europas laufen durch diesen Hafen. In Wahrheit ist es für uns in diesem Moment unmöglich seine Ausmaße auch nur zu erahnen. Es wirkt eher wie die Ansammlung aller Häfen, die ich jemals sah auf einem Haufen. Dicht an dicht reihen sich Kais, Depots, Terminals, Silos und Industrieanlagen. Gewaltige Kräne ragen teils farbig, teils rostig in den Himmel. Alle Meile ändert sich der Geruch der über allem wabert. Petrochemie, Düngemittelfabriken, Tierfutterherstellung, Müllverbrennung: Eine wahre Sinfonie der Luftverschmutzung. Und von allen Seiten Frachter, die wie kleine Blutkörper alles in diesem Organismus aus Stahl und Beton an den richtigen Ort bringen.
Meilenweit und stundenlang begleitet uns diese Szenerie. Ununterbrochen kracht das Funkgerät und alle paar Meilen müssen wir für den kommenden Abschnitt die Frequenz wechseln. Gefährlich sind für uns vor allem die unzähligen Zufahrten. Die Hafenanlagen erstrecken sich scheinbar endlos nach rechts und links und von überallher kreuzen die Frachter unseren Kurs. Immer wieder hören wir unseren Namen am Funk. Aber niemand ruft uns an. Scheinbar informiert die Hafenüberwachung jeden in unserer Nähe über unsere Position und Kurs. Mittlerweile hat der Flutstrom seine volle Kraft entfaltet und lässt Pegasus bei halber Kraft bergauf traben. Von fünf Knoten zu Beginn haben wir jetzt auf fast acht beschleunigt. Wir dürfen bei den vielen Ein- und Ausfahrten nicht das winzige Tor zur Marina verpassen. Umdrehen wäre bei diesem Strom kein Vergnügen. Ich sehe die Zufahrt rechtzeitig, aber daraufzusteuern kann ich deshalb noch lange nicht. Ich muss den richtigen Moment abpassen, um zwischen zwei Hundert-Meter-Frachtern hindurchzuschlüpfen. Ich halte direkt auf das Heck des Ersten zu um so knapp wie möglich hinter ihm und so weit wie möglich vor dem Bug des nächsten durchzukommen. Als der erste Frachter wieder die Sicht auf die Einfahrt freigibt, merke ich, dass ich eigentlich schon ein Stück zu weit bin. Ich gebe volle Kraft voraus und wir driften diagonal zur Strömung durch das zwanzig Meter breite Tor. Sofort muss ich das Gas wegnehmen, um Pegasus daran zu hindern nach Backbord in die Böschung zu schießen, jetzt wo uns außerhalb des Fahrwasser der Strom nicht weiter nach Steuerbord versetzt. Noch dreimal nach Steuerbord und wir liegen in völliger Ruhe in einer Box.
Der Hafenmeister kommt persönlich und nimmt unsere Leinen an. Er wohnt auf dem Boot gegenüber. Beinahe wundere ich mich, dieser kleine Hafen scheint nicht zwischen die Industrieanlagen zu passen. Aber wir sind dankbar, dass es ihn gibt. Pegasus liegt sicher festgemacht und das noch vor Sonnenuntergang.

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