Es ist ein kalter Tag Ende Januar. Typischer Kieler Winter. Es regnet und doch wieder nicht. Eher ein feiner Sprühnebel der, vom omnipräsenten Wind verweht, aus jeder Richtung zu kommen scheint. Alles wird nass und kalt und klamm. Kein Schirm kann da helfen, keine Kapuze. Ein Wetter, bei dem man sich einen warmen Holzofen wünscht. Zwei dunkel gekleidete Gestalten gehen die Straße entlang. Sonst ist kaum jemand draußen. Ein Obdachloser sitzt an der Ecke vor der Drogerie. Bis zur Nasenspitze in seinen feuchten Schlafsack verkrochen. Die beiden gehen eng aneinander gedrückt. Ein Paar. Dicke Wollmützen bis tief in die Stirn gezogen, die Gesichter in den hochgeklappten Mantelkrägen versteckt. Sie biegen zielstrebig in die Seitenstraße ein, die zum Hafengelände führt. Oder ist es nur ein Winterlager, eine Hinterhofwerft, ein Schrottplatz - es scheint wie alles zugleich. Vor dem Stahlzaun, an dem der Rost den Kampf gegen die Zinkbeschichtung Strebe für Strebe gewinnt, stehen ebenfalls zwei Gestalten. In leisem Zwiegespräch vertieft und ebenfalls dunkel gekleidet, als hätte das Wetter ihnen die passende Garderobe mitgebracht. Es sind zwei Männer. Der eine alt, der andere jung. Vater und Sohn. Der Alte adrett, mit silbergrauer Bürstenmähne, schmale Brille hinter der ein wacher Blick ruht. Sein Schnauzer verleiht seinem Gesicht, das selbst für das kalte Wetter ein wenig zu rot ist, einen spitzbübigen Ausdruck. Der Junge wirkt ernst, tritt von einem Bein aufs andere. Blickt hinter Drei-Tage-Bart und Brille die Straße hoch, von wo aus das Paar gerade das Gelände betritt. "Kurt?, Christian." Es werden Hände geschüttelt. Alles ganz informell, alle geben sich locker und entspannt. "Wollen wir, es steht dahinten." "Passt auf, nicht über die Deichsel hier stolpern." Die vier schlängeln sich durch abgeplante Boote, stählerne Bauruinen, die vielleicht nie schwimmen werden und rotte Kähne, die ihre glanzvollen Sommer wohl schon hinter sich haben. Das junge Paar ist aufgeregt. Jedes dieser aufgebockten Boote flüstert von fernen Orten und Abenteuern. Weder der graue Himmel noch der Nieselregen können ihre Hoffnungen ins Wanken bringen. Alle sie umgebende Tristesse perlt an ihnen ab. Das erste, was sie sehen können ist das Ruderblatt. Darüber das Heck mit angelehnter Leiter. "Pegasus" ist dort in goldener Fraktur aufgedruckt. Das Symbol für Freiheit, Schaffenskraft und dem Streben nach Höherem. Ist das bereits ein Zeichen? Oben krabbeln sie in eine zugedeckte Plicht. Das Steuerrad ist demontiert, das gesamte Äußere verleiht dem Boot den Anschein als würde es hier seinen Winterschlaf abhalten. Aber die Kajüte ist gemütlich und wunderschön. Alles in rehbraunem Mahagoni ausgebaut. Ein großer Navigationstisch, zwei Kojen achtern, Mittschiffs eine großzügige Sitzecke und gegenüber eine Kombüse mit Gasherd. Eine winzige Nasszelle und eine Doppelkoje im Vorschiff. Es ist nicht groß, aber es kann etwas Großes daraus werden. "10 Meter 40 Lang, drei fünfundzwanzig breit, achteinhalb Tonnen schwer..." Der Alte setzt zu seiner Verkaufsrede an und überschüttet die beiden mit den technischen Details und der Ausstattung des Bootes. Die beiden hören zu, versuchen alles aufzusaugen, sind begierig danach, alles zu wissen was es zu wissen gilt. Aber die Gedanken verselbstständigen sich bereits. Die Blicke wandern durch den kleinen Raum, taxieren alles aber lassen immerwieder nur die selben Fragen zu. Können wir hierdrauf leben, können wir hiermit reisen. Die Beiden haben nicht vor ein Boot zu kaufen. Davon haben sie auch praktisch keine Ahnung. Sie wissen wie man segelt und sie wissen wie man kräftig anpackt, aber sie suchen noch nach etwas anderem. Sie haben vor ihren Traum, den sie schon jahrelang mit sich herumtragen, in die Tat umzusetzen. Was sie kaufen müssen, ist die Möglichkeit diesen Traum wahr werden zu lassen. Rumpf, Rigg, Ruderanlage, all das braucht ein Segelboot und all das muss funktionieren. Aber es muss vor allem einer Sache dienen. Es ist die Vorstellung von Freiheit und Selbstbestimmung der dieses Gefährt gerecht werden soll. Dabei ist es noch soviel mehr als ein bloßes Fortbewegungsmittel. Es soll Zuhause sein, sicheres Refugium und der formgewordene Ausdruck eines inneren Drangs. Was es mitbringt ist gut, was es nicht mitbringt, kann beschafft, repariert oder eingebaut werden. Dann erzählt der Junge von den Segeleigenschaften. Da werden die Ohren wieder gespitzt. "Es ist natürlich schwer, aber für ein Stahlboot wirklich schnell." Bodenbretter werden hochgeklappt und die Bilge wird inspiziert. Die sieht in Ordnung aus. Probeliegen in den Kojen. Darin kann man es aushalten. Technisch ist vieles vorhanden, wenn auch alt. Die vier betrachten jedes Detail und jeden Winkel des Bootes. Von Außen und von Innen. Pegasus gefällt den Beiden. Das muss keiner aussprechen sondern sieht es in den Augen des anderen.
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| Pegasus, wie wir sie entdeckten |
Als das junge Paar sich nach zwei Stunden Arm in Arm wieder auf den Heimweg macht, hat das Schicksal bereits zugeschlagen. Da liegt ein Boot, wie sie es sich gewünscht haben und man hat es ihnen direkt vor die Nase gelegt. Die Entscheidung ist schnell getroffen. Obwohl sie ahnen, dass diese Entscheidung weitreichend sein wird, wissen sie nicht, worauf sie sich eingelassen haben. Aber das spielt auch keine Rolle, sie sind bereit für diesen gemeinsamen Traum Opfer zu bringen und warum dann noch warten. Die beiden verschreiben sich zu hundert Prozent und mit ganzem Herzen dieser einen Sache. Noch bevor der Sommer da ist, haben sie Ihre Wohnung aufgegeben und leben auf Pegasus.
Dreieinhalb Jahre später liegt Pegasus im Hafen des Büdelsdorfer Yachtclubs. Seit damals haben die Zwei das Boot praktisch komplett auf links gedreht und Stück für Stück überholt. Zuerst war das Unterwasserschiff dran. Dann kam ein neuer Propeller. Nach einem Kabelbrand wurde die gesamte Elektrik erneuert. Stehendes und laufendes Gut sind neu. Die beiden Deckslucken sind neu, weil die alten fingerbreite Durchrostungen hatten. Es gibt einen neuen Herd in der Kombüse, eine neue Heizung, ein neues Wassersystem. Die Segel sind neu oder zumindest überholt worden. Der Rumpf ist innen wie außen neu lackiert. Die Liste ist lang, beinahe endlos und nur der Eingeweihte kann die Arbeit erkennen. Vielleicht kann man es den Beiden eher ansehen als dem Boot. Die Zeit war anstrengend und hat ihnen alles abverlangt. Jede freie Minute war von der Arbeit am Boot geprägt. Mittlerweile ist das Boot zu mehr geworden als zu einem diffusen Traum. Pegasus ist eine Gefährtin, eine Freundin geworden aber manchmal auch ein Fluch von dem sie nicht mehr wissen ob sie ihn nicht loswerden konnten oder nicht loswerden wollten. Doch die Zeiten der Zweifel waren immer nur kurze Augenblicke und sind schon jetzt fast vergessen. Denn jetzt liegt sie hier. Schaukelt leicht in den Wellen des Obereidersees. Im glänzend-schwarzen Rumpf reflektieren die letzten Sonnenstrahlen dieses Herbsttages. Pegasus. Sie ist bereit für den Aufbruch und das junge Paar ist es auch.
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| Mit frischem Unterwasserschiff |
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| Die Elektrik braucht dringend Zuwendung |
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| Neue Luken fürs Deck |
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| Anker- und Kettenkasten |
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| Schicht für Schicht zu neuem Glanz |
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| Durchrostung neu verschweißt |
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| Bis zum blanken Stahl |
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| Lackieren, lackieren, lackieren |
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| Das schönste Boot weit und breit |
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