Einen Orkan abwettern


Wir kommen auf Helgoland an und in unserem Kielwasser folgt uns der Wind. Wir sitzen in der Falle. Draußen im Nordatlantik, vor der irischen Küste, braut sich ein Orkan zusammen, den man bald auf den Namen Joshua taufen wird. Und er schickt seine Vorboten ostwärts bis in die deutsche Bucht. Für uns gibt es jetzt nichts da draußen zu gewinnen. Bestenfalls könnten wir den Rückweg in die Elbmündung antreten, aber Richtung Westen ist nichts zu machen. Unsere Weiterreise rückt für den Moment in unbekannte Entfernung.

Die ersten Tage auf Helgoland sind entspannt. Zwar liegen wir unruhig an einem Schwimmponton in der letzten Ecke des Hafens aber wir sind sicher festgemacht. Wir erkunden die Insel und lernen die Helgoländer kennen. Wir stöbern durch die Regale der Bücherei und besuchen das Kino. Doch sind wir gleichsam mit einem Auge stets beim Wetterbericht. Was bereits angekündigt war, hat sich mittlerweile bestätigt. Der Orkan Joshua bewegt sich direkt durch die deutsche Bucht. Es wird Zeit das Boot sturmfest zu machen. Als wir damit fertig sind haben wir uns in unserer Ecke mit acht Leinen verzurrt, das Großsegel ist mit Persenning und Leine doppelt gesichert, die Genua ist so fest wie nur möglich eingerollt, alles was beweglich ist, ist aus dem Rigg verschwunden und alle fünf Fender federn unsere Steuerbordseite am Steg ab. Wir können jetzt nur noch abwarten und das Beste hoffen. Die letzten ruhigen Stunden verbringen wir mit Seemannsarbeiten, kochen und klar Schiff machen.

Jenny am takeln

Skadi hat ein ganz mieses Gefühl 






Am Abend des 23. Oktobers fällt das Barometer auf 980hPa. Wie ein Hammerschlag trifft der Orkan Helgoland. In kaum einer Stunde verdoppelt sich die Windgeschwindigkeit auf weit über 40 Knoten. Der Wind wühlt im Hafenbecken eine chaotische, kochende See auf. Pegasus wird immer heftiger gegen die Pier geschleudert. Mal um mal krachen Holz und Stahl gegeneinander. Die Leinen spannen sich bis zum Zerreißen und die Fender leiden was sie müssen.

Diese erste Nacht ist der reine Irrsinn. Die Bewegungen, die das Boot macht, sind vollkommen unvorhersehbar. Böen mit bis zu 50 Knoten drücken ins Rigg und Pegasus auf die Seite. Gleichzeitig zerren die Leinen ruckartig das Boot in Position zurück. Wir krängen über 30 Grad. Unter Deck kann man sich nicht mehr bewegen. Es ist nicht zu ahnen, in welche Richtung man als nächstes geschleudert wird. Auch schlafen ist jetzt nicht mehr möglich - wir liegen in Kleidung in der Messe, dösen in Erwartung jederzeit an Deck springen zu müssen.

Das Hafenbecken - Ein Whirlpool 

Der Lärm hat sich mittlerweile zu einer ohrenbetäubend schauderhaften Kakofonie gesteigert. Unter Deck klappert alles was nicht festgenagelt ist. Der Wind brüllt ins Rigg, dass es beginnt zu singen und sämtliches laufendes Gut schlägt und hämmert arhytmisch gegen Wanten, Mast und Baum.

Die ungebändigte Kraft des Orkans prallt auf die Insel. Er lehrt uns das Fürchten. Doch wir kommen durch die Nacht. Im Morgengrauen betrachten wir die ersten Schäden. Zwei Fender sind völlig platt und der dritte macht ebenfalls einen müden Eindruck. Jenny geht los und besorgt uns neue plus zwei 50 Meter Leinen, sodass wir das Boot bis zum Vormittag weiter sichern können. Doch nichts scheint verhindern zu können, das Pegasus hier am Steg aufgerieben wird. Nichts vermag das heftige Schleudern aufzuhalten. Ein Moment der Verzweiflung stellt sich ein. Wir können nichts tun als die Sache auszusitzen. Immer wieder taucht die Frage in meinem Kopf auf wo die Grenze ist, zwischen höherer Gewalt, die man hinnehmen muss und persönlicher Kapitulation. Wie weit reicht unsere Kraft im Angesicht dieser Lage. Ich werde nicht kapitulieren. Wir haben Pegasus gerade erst zusammengeflickt, da lassen wir sie uns von nichts und niemandem wieder auseinanderreißen. Irgendetwas müssen wir tun können. Auf der anderen Seite des Hafenbeckens, beim Amt des Hafenmeisters, finde ich Hilfe. Ein Mitarbeiter leiht mir besonders starke Fender aus dickem Tauwerk. Die federn zwar nicht so gut, sind aber praktisch unzerstörbar. Sie kommen keine Minute zu spät. Mittlerweile haben wir weitere Fender verloren und eine Relingstütze ist durch das ziehen der vielen Fender abgebrochen. Wir überstehen auch die zweite Nacht. An Schlaf ist noch immer nicht zu denken. Es zählt jetzt nur noch die mentale Stärke die wir aufbringen können. Der Orkan erreicht mit bis zu 58kn seinen Höhepunkt. Eine einzelne Möwe sitzt die gesamte Zeit über auf der Kaimauer direkt über uns. Wir wissen nicht ob sie über uns Wacht oder ob sie Zeuge der drohenden Katastrophe werden möchte. Wir entscheiden uns für Ersteres. Am Morgen danach hat der Wind zum ersten Mal etwas nachgelassen. Wir begutachten die Schäden: ein halbes Dutzend Fender sind hinüber, zwei Relingstützen sind gebrochen und unzählige Schrammen, als hätte eine wilde Bestie sich an Pegasus Steuerbordseite zu schaffen gemacht, zeugen von der Gewalt der Elemente. Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.



Der Wind bleibt jedoch stark und wir haben alle paar Stunden damit zu tun die Landleinen nachzustellen, denn auch die Tide ist durch den Sturm stärker als sonst. Aber ein blasser Hoffnungsschimmer erhellt unsere düstere Verfassung. Zum Ende der Woche öffnet sich ein Wetterfenster. Zwar klein aber groß genug um uns die Überfahrt nach Borkum zu ermöglichen. Wir packen Pegasus aus ihrem Sturmkokon, machen alles seefest und schweißen die gebrochenen Relingstützen wieder an. An dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an die Jungs vom E-Werk auf Helgoland. Ohne eure schnelle und kameradschaftliche Hilfe, hätten wir es nicht geschafft so bald wieder in See zu stechen! Bis zum nächsten Mal auf eurer schönen, wilden Insel!

Der Freitag kommt und wir sind bereit. Nach zwölf Tagen eingeweht und zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten können wir Helgoland verlassen. Wir sind froh, dass es weitergeht, aber wir sind auch glücklich über die unerwartete Gelegenheit diese einzigartige Insel und ihre Bewohner kennengelernt zu haben. Uns ist nichts als Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft entgegen geschlagen. Helgoland, wir werden uns eines Tages Wiedersehen!

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