PJ/7 "Zuid-Holland"

 Unsere Überfahrt nach Scheveningen dauert nicht lange. Dennoch ist sie nicht entspannt. Wieder einmal lautet die Devise "Speed, Speed, Speed". Das Wetterfenster ist klein, der Wind schwach. Dafür steht jedoch der Strom auf unserer Seite, als wir um 1600 am 15. November die Leinen loswerfen.



Noch bei Tageslicht verlassen wir Ijmuiden und stoßen in eine aufgewühlte, olivfarbene Nordsee hinein. Das Meer ist immer noch unruhig und ein klares Wellenbild lässt sich nicht erkennen. Pegasus springt auf und ab. Wir setzen alles an Tuch, was wir haben und lassen wieder die Maschine mitlaufen. Wir dürfen nicht trödeln. Nicht nur, dass der Strom nicht ewig auf unserer Seite sein wird, auch der Himmel sieht dicht und bedrohlich aus mit Wolken wie aus Stahlwolle. Doch bevor wir uns über die Dramatik des Himmels zu viele Gedanken machen können, bricht schon die Nacht herein. Die Tage sind mittlerweile kurz, die Nächte dafür lang und finster. Obwohl wir nach unseren jüngsten Erfahrungen mit der Nordsee stets angespannt sind, läuft diesmal alles nach Plan und wie vorausberechnet. Wir machen im Schnitt sechs Knoten und werden zum Abendessen in Scheveningen sein.

Natürlich passiert auf See immer irgendwas. Wir sind schon bei der Einfahrt zum Hafen, als plötzlich ein Zweimaster keine 50 Meter entfernt unseren Kurs kreuzt. Wie aus dem Nichts ist er erschienen. Kein AIS und die spärlichste Beleuchtung, die ich je sah. Wie ein Geist zieht das 20 Meter lange Schiff vor uns vorüber, nur eine Silhouette vor der erleuchteten Stadt, kein Mensch ist an Deck zu sehen. Nach nur einem Augenblick ist es auch schon wieder achteraus in der Dunkelheit verschwunden. Für einen Moment bin ich verwirrt und schockiert. Froh einer Kollision entgangen zu sein und unsicher ob ich meinen Augen trauen kann. Doch keine Minute später verfestigt sich die Realität. Ein kleines Toplicht rast auf Pegasus zu, ich sehe es schon früh und kaum ist es auf 30 Meter heran richtet sich ein Suchscheinwerfer auf uns. Es ist die Küstenwache, aber wir sind nicht die, die sie suchen. Das kleine Boot dreht noch einen Halbkreis um uns, dann verschwindet es mit Blaulicht in die selbe Richtung wie der mysteriöse Segler. Kurz darauf hören wir noch über Funk wie sie längsseits gehen. Erst einige Tage später erfahren wir, das Scheveningen wohl auch als Umschlagplatz für Menschen- und Drogenschmuggel dient. Wer weiß, wem wir in dieser Nacht begegnet sind. Vielleicht Schmugglern oder doch nur einem abgebrannten Segler auf einem runtergekommenen Kahn.

Wir machen uns an die Einfahrt. Nachts ist das immer wieder ein besonderer Nervenkitzel. Es ist schwer die Informationen der eigenen Augen mit den Informationen der Karte in Einklang zu bringen. Manchmal muss man einfach daran glauben, dass die Karte richtig ist und man nicht direkt auf die Hafenmole fährt. Doch Scheveningen ist gut befeuert. Gleich zwei Richtfeuer weisen den Weg bis in den inneren Hafen und leiten uns bis zum Liegeplatz. Zu unserer Überraschung ist der Hafen erstaunlich voll und wir müssen uns ins Päckchen legen. Doch es ist ruhig hier und geschützt.

Scheveningen, "Tweede Haven"


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