PJ/5 "Westfriesland"

 Es ist Mittwoch der 5. November 1030 als wir Borkum verlassen. Der Plan sieht vor, mit einem leichten Amwindkurs die Küste westwärts entlangzusegeln. Sollten wir bereits in der Dämmerung auf der Höhe von Den Helder sein, könnten wir es eventuell sogar bis Ijmuiden schaffen. In jedem Fall liegen jedoch mindestens 24 Stunden Amwindsegeln bei Starkwind vor uns.

Unter Maschine laufen wir aus dem Hafen, durch die schmale Zufahrt "Fischerbalje" ins Emsfahrwasser. Wir setzen die Segel und lassen uns vom Strom raustragen. Wäre man nicht selbst dort gewesen, man würde es kaum glauben. Das Seegatt hat seit unserer Ankunft einen völlig anderen Charakter angenommen. Ruhig und in der Sonne funkelnd liegt es jetzt da. In blassem Blaugrau und wie immer unergründlich. Der Himmel glüht in kaltem Blau und im Osten stehen einige Wolken wie mit Kreide gemalt und verheißen beständiges Wetter. Nichts erinnert mehr an die Anstrengung die nötig war, um diesen Hafen zu erreichen.

Ein anderes Borkum

Die ersten Stunden sind beinahe Champagnersegeln. Wie von selbst trabt Pegasus vor dem Wind. Um halb zwei sind wir auf der offenen Nordsee und stecken Kurs Richtung West-Süd-West ab. Entlang der westfriesische Inseln bis Terschelling steht uns nun ein Amwindkurs bevor. Vorraussichtlich soll der Wind in der Nacht drehen, was uns die Möglichkeit bietet, ohne zu Kreuzen um die Ecke bis Den Helder oder Ijmuiden zu kommen. Aber das ist noch ein weiter Weg.

Bis zum Sonnenuntergang haben wir Schiermonnikoog passiert und befinden uns fast auf Höhe des Leuchtfeuers von Ameland. Diesmal ist es die niederländische Küstenwache, die uns mit schlechten Nachrichten überrumpelt. Das Funkgerät kracht und spuckt eine Unwetterwarnung für die gesamte Niederländische Küste aus. Es wird also mal wieder heftiger als angesagt. Und wieder haben wir keine andere Wahl als die Zähne zusammen zu beißen und zu nehmen was wir bekommen. Pegasus ist auf starken Wind vorbereitet. Wir binden lediglich das zweite Reff ins Groß und rollen noch ein Stück Genua ein, dann sind alle Vorbereitungen getan. Das ist die eine Sache, die andere ist es eine solche Nachricht mental zu akzeptieren. Wir sind zuletzt bei jeder Etappe mit Starkwind konfrontiert worden, aber auf See zu sein, die Warnung zu hören und zu wissen, dass es keinen Hafen gibt, den man anlaufen kann, gibt einem das unschöne Gefühl ausgeliefert zu sein.

Wir laufen stoisch unseren Kurs und warten darauf, das uns das Übel einholt. Durch die reduzierte Segelfläche sind wir nicht besonders schnell und rollen stark. Außerdem steht der Strom mittlerweile gegen uns. Der Himmel ist fast vollständig zugezogen nur ab und zu, für einen kurzen Augenblick, zeigt sich der Mond. Der Leuchtturm von Ameland verschwindet achtern und Backbord vorraus erscheint nun das Feuer von Terschelling. Aber die Strömungsverhältnisse vor und zwischen den Inseln sind unberechenbar. Das Wellenbild ändert sich kontinuierlich und Pegasus stampft sich immer wieder fest. Es ist mühsames Segeln. Auf Amwindkurs läuft das Boot nicht wirklich schnell und in Verbindung mit den von der Strömung erzeugten kabbeligen Wellen machen wir zeitweise kaum noch 2,5kn. Terschelling scheint endlos zu sein. Vielleicht müssten wir mehr Segel setzen, aber mit der Unwetterwarnung im Hinterkopf sind wir vorsichtig. Vielleicht sogar übervorsichtig. Querab von Vlieland taucht eine Bohrstation auf. Klein wie ein Bojenlicht erscheint sie in der Ferne. Stundenlang fahren wir darauf zu, sehen wie sie zu gigantischer Größe heranwächst, dann müssen wir den ersten Haken schlagen, um nicht zu weit von der Küste ab zu kommen. Stundenlang können wir sie daraufhin beim Schrumpfen beobachten. Wir sind langsam. Dennoch ist das Rudergehen anstrengend. Die Wellen sind in völligem Chaos aufgelöst - gerade entlang Vlielands ist es besonders stark - und man braucht jeden Funken Konzentration im Leib um Pegasus auf Kurs zu halten. Jenny macht es bravourös . Es bleibt jedoch kräftezehrend und frustrierend. Hinzu kommt die alles erfassende Kälte in der Nacht. Ich versuche eine Stunde zu dösen aber als ich aufwache bereue ich es direkt. Ich fühle mich halb erfroren und bin froh Jenny am Ruder ablösen zu können um ein wenig in die Gänge zu kommen.

Wir sind erleichtert als die Sonne endlich aufgeht. Die wenigen Sonnenstrahlen, die sich an den dicken weißen Wolken vorbeischieben tun gut. Sie wärmen und heben die Stimmung. Die vielen Grauschattierungen verwandeln sich in der Sonne wieder zu heiteren Blautönen. Wir sind erst querab zur Insel Texel. Damit ist der Plan bis Ijmuiden zu kommen für dieses Mal gescheitert, aber jetzt am Morgen hat sich die See soweit beruhigt, dass wir gemächlich nach Den Helder hineinkreuzen können.

Den Helder in Sicht 

Wie bei allen, ins Landesinnere verlagerten Häfen, gilt es bis zur letzten Minute aufmerksam zu bleiben. Auch als wir unter Maschine das Fahrwasser einbiegen zieht ein starker Strom Pegasus Richtung Sandbank. Wir halten dagegen, es macht uns keine Sorgen. Doch plötzlich erscheint die niederländische Küstenwache direkt in unserem Kielwasser. Sie kommen schnell näher und setzen sich neben uns. Dann wird aus dem Brückenfenster ein Schild gehalten. "VHF06". Haben wir was falsch gemacht? Nun wir sind quer ins Fahrwasser eingebogen aber dabei haben wir niemanden behindert. Der Funkkontakt wird hergestellt und wir werden ausgefragt. Wer wir sind, woher wir kommen und wo wir hin möchten. Noch bevor wir den Hafen überhaupt gesehen haben, weiß jedermann, dass wir gleich einlaufen werden. Und wenn man dann im Hafen ist, stellt sich auch nicht mehr die Frage warum die Küstenwache hier so genau hinsieht. Ein Großteil der Marine liegt hier an den Piers, der Yachthafen, wo wir uns festmachen, ist Teil des militärischen Sicherheitsbereichs. Und eventuell könnte es auch un unserem nicht installiertem AIS liegen.

Für den Moment ist uns das alles jedoch Egal. Als wir Pegasus im königlichen Yachtclub vertäuen ist es bereits 1600. Fast dreißig Stunden und 125 Seemeilen liegen seit Borkum in unserem Kielwasser. Ein guter Sprung in die richtige Richtung aber kräftezehrend.

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