PJ/4 "Borkum"

 Die Seeleute der alten Tage wären niemals an einem Freitag ausgelaufen. Das brachte Unglück wie so vieles andere. Doch entweder Freitag oder gar nicht. Zum Glück ist Pegasus ein heidnischer Halbgott und daher über jeden christlichen Aberglauben erhaben. Abgesehen davon ist unsere Planung wohl durchdacht und grundsolide. Aber so überheblich denkt wohl jeder Segler über seine Pläne. Es ist der 30. Oktober als wir Helgoland in Richtung Südwesten mit Kurs auf die Insel Borkum verlassen.

Ein letzter Blick auf den roten Felsen

Helgoland verabschiedet uns genauso, wie es uns willkommen geheißen hat. Mit kurzen hohen Wellen. Die erste Stunde nach der Hafenausfahrt stampft sich Pegasus durch die Wellen. Die Nordsee liegt schiefergrau und zerklüftet vor uns. Die Nachwirkungen des Orkans stecken noch immer in den Wellen. Es ist ruppig und wir prallen immer wieder hart in die See. Wasser schießt in Strömen über das Deck, drückt sich durch die Vorschiffsluke. Es dauert nicht lange und unsere Koje ist vollständig nass. Aber je weiter wir die Insel hinter uns lassen, desto ruhiger wird das Meer. Mit dem Gezeitenstrom im Rücken bewegen wir uns auf süd-westlichem Kurs in Richtung der deutschen Küste. Zwischen auf Reede liegenden Frachtern hindurch und direkt auf das gigantische Verkehrstrennungsgebiet zu.

Hier wartet die erste Hürde dieser Etappe auf uns. Wie eine Autobahn für Giganten erstreckt sich das Fahrwasser für die größten Schiffe der Welt vor unserem Bug. Hier ist der Anlaufpunkt für die größten Seehäfen Deutschlands. Jedes Schiff mit Ziel Ostsee, Hamburg, Wilhelmshaven oder Bremerhaven kommt hier durch. Und wir müssen es diagonal durchqueren. Die Angelegenheit ist tückisch, denn der Gigantismus der modernen Frachtschiffe macht sie gleichsam schnell. Mit bis zu 20kn pflügen sie durch die See als wäre es gar nichts. Und sie kommen hier von allen Seiten.


Wir setzen an Tuch, was der Wind zulässt, treiben Pegasus an, um hier nicht länger zu verweilen als unbedingt nötig. Dennoch, das Gebiet erstreckt sich über endlose Meilen und bevor wir es durchqueren können bricht die Nacht herein. Ein Zustand, den wir vermeiden wollten, denn im schwarzen Nichts der Nacht schrumpfen die Kolosse zu mickrigen bunten Lämpchen in weiß, grün und rot. Ihre Dimension und Position ist nun umso schwerer zu erkennen. Kurz bevor wir es endlich schaffen, dem Verkehr zu entkommen, tauchen Positionslaternen direkt vor uns auf. Wir können nicht ausmachen was es ist, schlagen Haken wie ein Hase, um der scheinbar unvermeidlichen Kollision zu entkommen. Doch egal in welche Richtung wir abdrehen, stets blicken uns ein rotes und ein grünes Licht entgegen. Hält es immer noch auf uns zu? Folgt es unseren Kurswechseln? Wir kommen bis auf Handscheinwerferdistanz heran. Es ist eine unbewegliche Plattform! Völlig ungefährlich und beinahe könnte man darüber lachen.

Auf den Schreck folgt eine Nacht voll anspruchsvollem Segeln. Der Halbmond leiht uns sein geisterhaftes Licht, sodass wir nicht völlig blind sind. Wir können uns nun bis zur Insel Borkum in Küstennähe halten. Pegasus stürmt darauf los, angestachelt von Wind und Strom und wir versuchen die Zügel stramm zu halten. Wir wollen die Anfahrt nach Borkum gerne zur Dämmerung erreichen. Denn auch hier erwartet uns wieder ein enges und stark befahrenes Fahrwasser. Es ist Viertel vor fünf in der Nacht als wir dort ankommen. Und es stimmt was man sagt. Am dunkelsten ist die Nacht vor der Dämmerung. Der Mond hat mittlerweile längst den Horizont passiert. Nichts ist geblieben als völlig konturlose Schwärze. Himmel und See bilden einen endlosen Raum. Wir fühlen uns losgelöst und einsam. Doch da erscheinen die blinkenden Lichter der Tonnen, die die Einfahrt markieren. Zwar sind es noch gut zwei Stunden bis Sonnenaufgang aber wir wagen die Anfahrt auch in der Dunkelheit. Warten wir zu lange, wird der Strom sich gegen uns stellen. Eine unangenehme Situation und unsere Entscheidung hätte durchaus früher fallen dürfen. Wir sind kaum im Fahrwasser der Ems, da merken wir, dass der Wind hier deutlich eher aus Südost, denn aus Südwest kommt, wie vorhergesagt. Unter Segeln kommen wir hier niemals hinein. Wir starten den Motor. Aber der Wind direkt von vorn bremst uns stärker aus als gedacht. Die Wellen, die er vor uns aufbaut, lassen Pegasus wild aufbäumen. Wir laufen Gefahr uns festzustampfen. Wir sind zu langsam und von Minute zu Minute werden wir langsamer. Der Strom setzt ein und nun stehen Wind und Strom gegen uns. Der Motor läuft auf Hochtouren, doch wir scheinen ums kaum vom Fleck zu bewegen. So drängen wir voran, es fühlt sich wie eine Ewigkeit an und noch nie habe ich den Sonnenaufgang sehnlicher herbeigewünscht. Als die Sonne endlich aufgeht ist es beinahe grotesk. Inmitten dieses Horror - auf dem wild stampfenden Boot, schäumender Gischt und immer stärker werdender Böen - sehe ich den vielleicht schönsten Sonnenaufgang, den ich je sah. Schrecken und Schönheit liegen auf See dicht beieinander.


Doch diese ersten Sonnenstrahlen geben uns nach über 18 Stunden Fahrt neue Kraft. Fischerbalje, der letzte Ansteuerungspunkt für die Hafenzufahrt nach Borkum taucht auf. Wie beflügelt vom Licht des neuen Tages mobilisieren wir alle Kräfte. Wir nehmen die Genua zur Hilfe und kreuzen die letzten Meilen bis zur Abzweigung gegen alle Elemente. Dann biegen wir ab. Nur noch ein paar Kabellängen bis zum Hafen. Doch hier kommen Wind und Strom nun von der Seite und versuchen uns auf die Untiefen in Lee zu drücken. Viel Platz zu manövrieren ist nicht. Wir driften in Richtung Borkum. Jetzt noch ein paar Minuten konzentriert bleiben und es ist geschafft. Wir vertäuen Pegasus am glitschigen Ponton, klarieren das Nötigste auf und fallen erschöpft in die Koje in der Messe. Das Vorschiff und vieles andere ist total durchnässt nach diesem Kampf aber das soll erst morgen unser Problem sein. Für den Moment sind wir glücklich, wieder eine Etappe geschafft zu haben.

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