Saison ouvert
Concarneau empfängt uns mit nassem Pflasterstein und bleigrauem Himmel. Eine Hafenstadt die weiß was sie ist und sich dafür nicht entschuldigt. Die Ville Close ragt aus dem Wasser wie ein Irrtum der Geschichte – ein mittelalterliches Festungseiland mitten im modernen Hafen, die Mauern grau und unerschütterlich, als hätten sie das Kommen und Gehen von Schiffen über Jahrhunderte beobachtet und dabei gelernt, sich von nichts mehr beeindrucken zu lassen.
Wir machen am 5. Mai fest. Sechs Tage werden wir bleiben – das wissen wir noch nicht, als wir die Klampen belegen. Aber der Hafen hat eine Schwerkraft. Und drei Boote mit vier Individuen haben immer etwas zu erledigen.
Die Arbeitsliste schreibt sich wie immer von selbst. Johannes muss seine Toplaterne tauschen – ein Job der klingt als wäre er in zehn Minuten erledigt, es aber nie ist. Zweimal wird er in den Mast gezogen, David und ich an den Fallen, Schritt für Schritt, Meter für Meter. Dreizehn Meter sind von unten eine beeindruckende Angelegenheit. Von oben, so berichtet Johannes mit der Würde eines Mannes dessen Beine nach langem Hängen im Mastkorb langsam taub werden, noch mehr. David fummelt derweil irgendwo unter Deck an etwas herum das er nur vage beschreibt und für dessen Fertigstellung er immer noch einen Tag mehr braucht als geplant. Auf Pegasus installiere ich endlich unsere Solaranlage auf dem Dodger – ein Projekt das ich seit Wochen mit mir herumtrage und das sich jetzt, in der Frühlingssonne von Concarneau, fast von selbst erledigt. Die Panels glänzen neu und zufrieden in der Sonne.
Zwischen den Arbeiten schlendern Jenny und ich durch die Gassen der Ville Close. Die Festungsmauern – die Remparts – rahmen ein Labyrinth aus Crêperien, Souvenirläden und Häusern die aussehen als hätten sie die letzten vier Jahrhunderte einfach ausgesessen. Wir kaufen uns ein Softeis und spazieren damit oben auf den Remparts, schlecken zufrieden in der Sonne und schauen auf den Hafen hinunter. Um uns herum der Touristentrubel – aber oben auf den alten Mauern, mit dem Wind im Gesicht und dem Eis in der Hand, sind wir mehr bei uns als die letzten Tage.
Eines Abends gehen Johannes, Jenny und ich rüber zum Fischereihafen. Das 1000-Meilen-Rennen geht zu Ende und wir erwarten – nun ja – irgendwas. Eine Feier, Menschenmassen, Champagner, Fanfaren. Immerhin ist es die erste Offshore-Regatta der Saison. Stattdessen: eine Handvoll Leute in der lauen Abendluft vor der denkbar glanzlosen Kulisse des stinkenden Fischereihafens. Als die drittplatzierte Yacht einläuft, klatschen zwei Dutzend Menschen höflich. Eine Flasche Champagner wird geöffnet, ein kurzes Aufblitzen von Freude – und dann ist es das. Wir schauen uns an. Irgendwo da drüben hat jemand gerade tausend Meilen Atlantik hinter sich gebracht und wird mit dem Applaus eines mäßig besuchten Schulkonzerts empfangen. Der Ozean nimmt und gibt in seiner eigenen Währung. Ruhm gehört nicht dazu. Nach dem eher ernüchternden Spektakel schlendern wir drei noch in die Stadt, setzen uns irgendwo hin und trinken ein Glas Wein. Auf den Sieger. Auf den Atlantik. Auf die richtige Einordnung der Dinge.Am 7. Mai bricht David nach Lorient auf. Ein Freund wartet dort, will mitgenommen werden. Die Orca löst die Leinen früh am Morgen, das schallende Lachen noch im Ohr als sie schon halb aus dem Hafen ist. Johannes bleibt – Ersatzteile sind unterwegs, irgendwo zwischen einem deutschen Versandzentrum und dem bretonischen Paketdienst. Er wartet mit der stoischen Geduld eines Mannes dem das Warten nichts mehr anhaben kann.
Den letzten Abend mit Johannes verbringen wir an Bord der Pegasus. Artischocken mit Aioli – diese einfache, unprätentiöse französische Spezialität die man stundenlang essen kann, Blatt für Blatt, während die Gespräche sich entfalten. Cocktails, Geschichten, die vertraute Stille zwischen Menschen die sich auf See kennen gelernt haben. Dass es vorerst das letzte Mal sein würde dass wir zusammen an einem Tisch sitzen – das wussten wir damals nicht. Wir würden ihn so schnell nicht wiedersehen.
Und dann sind wir plötzlich zu dritt – Jenny, ich, Pegasus.
Ich sitze an Deck und denke über die letzten Wochen nach. Audierne, die Glénans, Concarneau. Die Abende zu viert, die Nächte am Grill, die Geschichten die sich im Kreis drehten. Und jetzt diese neue Stille. Sie ist nicht unangenehm. Sie ist sogar notwendig.
Denn Freiheit lässt sich nur schwer teilen. Das ist keine Klage – das ist schlicht die Natur der Sache. Wer seinen Stammtischalltag schätzt, begibt sich nicht auf große Fahrt. Segler sind gesellig, ja – aber sie sind auch Einzelkämpfer. Starke Persönlichkeiten die ihren eigenen Rhythmus haben, ihre eigenen Vorstellungen davon wie eine Reise laufen soll, ihr eigenes Tempo das sie niemandem erklären müssen. Das klingt widersprüchlich. Ist es aber nicht. Es ist vielleicht sogar das Ehrlichste was man über diese Art zu leben sagen kann.
David braucht Gesellschaft und Abenteuer und einen Freund der mitkommt. Johannes braucht Zeit und Ruhe und seinen 3D-Drucker. Wir brauchen den Aufbruch, wenn wir ihn für richtig halten – nicht früher, nicht später.
Am 11. Mai ist Pegasus seeklar. Der Atlantik wartet, und zum ersten Mal seit Wochen gehört er wieder uns allein.








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