PJ/19 "Vendée - Teil 1"

Die folgenden Tage ziehen wie im Flug an uns vorbei. Eine Insel jagt die nächste, tausend Eindrücke prasseln auf uns ein. Es ist als säßen wir in einem Panorama und die französische Küste zöge an uns vorbei – nur Pegasus ist unser Fixpunkt, unser Zentrum, unsere Erde.

Wir verlassen Port Crouesty am Donnerstag, dem 21. Mai um 1000h. Ein leichter Südwestwind weht und unter unserem bunten, weit geblähten Gennaker zieht es uns in Richtung Belle-Île. Der Golf de Quiberon ist heute voll von Seglern. Der Himmel leuchtet in seinem schönsten Coelinblau, die See antwortet mit dahingehauchten Wellen und Pegasus gleitet nur so dahin. Wir passieren die Passage du Béniguet, nehmen den Schwung des hierdurchströmenden Wassers mit und bereits um 1500h werfen wir den Anker in der Bucht bei Port Guen.

Das Wasser hier ist grelltürkisfarben, als wären wir direkt in der Südsee gelandet. Wir rudern mit dem Dinghy rüber zum Strand und spazieren barfuß über die Insel. Es ist als würde der Sommer für uns an diesem Ort beginnen. Die Sonne, der Geruch von Pinien, Kiefern, Oleander und wilden Kräutern. Mit einem Mal blüht es überall, Grillen zirpen, Insekten aller Art erwachen wie auf ein Zeichen und umschwirren uns. Und die Architektur hat sich verändert: Die massiven Granithäuser der Bretagne sind verschwunden. An ihrer Stelle stehen weiß getünchte Häuser mit flachen Dächern und roten Ziegeln statt des vertrauten Schiefers. Wir sind in einer neuen Welt.

Der Abend bringt eine Überraschung anderer Art. Wir sitzen bei der Hitze nur in Unterwäsche in der Plicht – als plötzlich ein Zollboot längsseits kommt. Drei Beamte. Wir müssen uns schnell anziehen. Eine Beamtin geht mit Jenny in der Plicht die Dokumente durch, die Anführerin und ein weiterer Beamter steigen mit mir unter Deck. Sie öffnen mal hier eine Schublade, mal dort eine Klappe – eher sporadisch als akribisch. Wir hätten Gott weiß was unter den Bodenbrettern versteckt haben können. Ich glaube, sie haben schnell erkannt, dass wir keine verruchten Schmuggler sind – mussten aber natürlich ihren Job durchziehen. Man scherzt, bleibt freundlich. Man hat ja auch keine Wahl, als gute Miene zu machen. Nach dreißig, vierzig Minuten frage ich die Anführerin, warum sie uns hier kontrollieren. Sie sagt es beiläufig, fast gelangweilt: Das hier ist Transitgebiet. Drogen vor allem – die kommen aus dem Süden, hierüber nach Frankreich. Wir nicken. Irgendwo da draußen, in derselben türkisblauen See in der wir heute geankert haben, läuft ein anderes Boot mit einer anderen Ladung. Das Meer ist für alle da.

Am nächsten Morgen verlassen wir Belle-Île schon wieder. Unser Ziel ist die Île de Noirmoutier. Doch wie so oft in den letzten Tagen ist die Windvorhersage zu optimistisch. Hoch am Wind laufen wir die ersten Stunden Richtung Osten, beobachten Delfine, aber am frühen Nachmittag schläft der Wind vollkommen ein, anstatt zu drehen wie vorhergesagt. Flaute. Die Sonne gewinnt die Oberhand, vernichtet die letzten Cumuluswolken und nimmt sich als nächstes uns vor. Die See verwandelt sich ohne eine Brise Wind in pures Quecksilber und verstärkt die Kraft der Sonne. Wir sind den Umständen schutzlos ausgeliefert – Sonnenbrillen, Hüte, Tücher, alles versucht. Die Duchten in der Plicht werden so heiß, dass man sie barfuß nicht mehr betreten kann. Unter Deck wandert das Thermometer auf über dreißig Grad. Die Luft ist dick und schwer wie Butter.

Am späten Nachmittag ist die Hitze kaum noch zu ertragen. Der Dieselmotor schiebt uns quälend langsam voran. Kein kühlender Fahrtwind, kein Schatten. Der Windpark an Steuerbord auf der Banc de Guérande scheint die halbe Biscaya einzunehmen – stundenlang sehen wir in dieser Richtung nichts als Windräder. Und die Sonne brennt und brennt. Wir trinken und überschütten die Plicht mit Meerwasser, aber es verdunstet kaum, dass es die Bretter berührt. Es ist als sollte alles in einen höheren Aggregatzustand wechseln.

Unser eigentliches Ziel, die Île de Noirmoutier, muss auf morgen warten. Gegen 1900h erreichen wir stattdessen die Baie du Pouliguen im Westen von Saint-Nazaire. Im hintersten Eck werfen wir neben einer anderen Yacht den Anker. Was ich aus der Entfernung für helle Sandsteinküsten gehalten hatte, entpuppt sich als eine Reihe Hotelburgen, eine neben der anderen. Und jetzt am sonnigen Abend flitzen Jetskis und Motorboote im Minutentakt an uns vorbei – hin und her, hin und her. Die Strömung in der Bucht ist zu stark zum Schwimmen, also sitzen wir die Hitze unter Strandtüchern aus. Ich wäre glatt neidisch auf die Jetskifahrer, wenn ich die Kraft hätte neidisch zu sein. Wir funken mit unseren Leidensgenossen an Steuerbord. Jeder kann dem anderen sein Leid klagen – das beruhigt.

Am nächsten Morgen geht es weiter. Der Wind ist schwach, wir segeln mal unter Gennaker, mal lassen wir die Maschine laufen. An Backbord die Côte de Jade, an Steuerbord der endlose Windpark. Es sind nur fünfzehn Seemeilen, aber wir sind froh, um 1430h in Port de l'Herbaudière zu sein – vor der brutalen Mittagshitze. Unsere Gedanken kreisen nur um Schatten und kalte Getränke.

Die Hitzewelle hat gerade erst begonnen. Bis zu zweiunddreißig Grad im Schatten. Wir beschließen ein paar Tage zu bleiben und nutzen die Zeit für Bordarbeiten: Großreinschiff, Rigg nachtrimmen, die Halterung der Windsteueranlage nachziehen, Propeller und Ruder vom Bewuchs befreien, Diesel bunkern. Die Insel ist vor allem für ihr Salz bekannt und ihre Kartoffeln – beides wird geradezu aggressiv vermarktet, beides überzeugt uns nicht sonderlich. Was uns überzeugt ist der schier endlose elfenbeinfarbene Sandstrand im Osten des Hafens. Hier finden wir Muscheln und Schneckenhäuser. Vor allem die blaugrün und in endlosen Variationen gemusterten Littorinas haben es uns angetan. Wir sammeln sie, einfach weil sie schön sind. Manchmal braucht es nur ein kleines bisschen Schönheit.

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