Seglerwelten


Der Hafen von Trinité-sur-Mer ist nicht zufällig so dicht an dicht mit Yachten vollgestopft. Wir bekommen die beiden letzten Plätze am Besuchersteg – und das war knapp.

Als ich uns am nächsten Morgen bei der Hafenmeisterei anmelden will, schaue ich in das verständnislose Gesicht der Rezeptionsdame. Was wir hier wollen, fragt sie. Ob wir wirklich länger bleiben wollen. Draußen rollt eine Unwetterfront mit bis zu acht Windstärken an und ich kann mir ehrlich gesagt nichts Vernünftigeres vorstellen als gemütlich im sicheren Hafen zu liegen, ein paar Bierchen zu kippen und etwas Gutes zu essen. Ich schaue die Dame verständnislos an – und obwohl das diesmal nicht an der Sprachbarriere liegt, fährt sie genervt auf Englisch fort. Ob wir nicht wissen, dass heute und morgen die ganzen Rennyachten eintrudeln. Dass morgen das Rennen beginnt.

Das Ar Men Race. Dreihundertfünfzig Seemeilen von Trinité nach Norden zur Île de Sein, dann südwärts bis zur Île d'Yeu und wieder zurück. Eine Regatta nicht nur für gesponserte Rennprofis, sondern auch für ambitionierte Amateure. Über sechshundert registrierte Teilnehmer. Der Hafen gleicht einem Bienenstock. Ununterbrochen fahren Yachten hinein und heraus – Testfahrten, Probemanöver, pures Imponiergehabe. Wir liegen direkt am Ende des Steges und können alles beobachten. Überall auf dem Steg liegt Proviant herum, Ausrüstung deren Zweck sich mir nicht erschließt, Leinen die niemand aufschießt. Es ist rätselhaft, wie es nicht dauernd zu Zusammenstößen kommt. Ein irrer Zirkus. Ein hektisches Kommen und Gehen, Crews finden sich zusammen, das große Get-together der französischen Seglerszene. Wer was auf sich hält zeigt sich hier – und vor allem seine Yacht. Pogos, J-Boats, RMs, Beneteau nach Beneteau. Alles was aus französischen Werften kommt und schnell ist liegt hier auf Hochglanz poliert und aufgesattelt. Das Bruttoinlandsprodukt eines kleinen Landes, in Epoxidharz gegossen und mit Edelstahl beschlagen.

Eine völlig andere Welt. Faszinierend und befremdlich zugleich. Ich fühle mich fehl am Platz – und doch zieht mich das Schauspiel in seinen Bann. Es ist auf eine Weise auch schön, mittendrin zu sein. Denn hier in Frankreich hat das Segeln einen anderen Stellenwert als bei uns zuhause. Es ist Volkssport, Leidenschaft, Nationalstolz. Nicht nur Hobby der Betuchten. Das nötigt mir Respekt ab, auch wenn mein Weg ein anderer ist.

Wir sind alle Segler. Und ich beobachte die Crews, schnappe Gesprächsfetzen auf, schaue auf die manikürten Rümpfe und die nagelneue Ausrüstung. Praktisch alle hier kommen nur übers lange Wochenende aus Paris oder sonstwo, um mal eben schnell mit der schicken Yacht ein Rennen zu fahren. Den Spaß daran kann ich verstehen. Aber Tiefe hat es nicht. Es ist keine Leidenschaft – es ist Luxus. Und Luxus ist nie falsch, aber er ist auch nie genug.

Zum ersten Mal denke ich: Vielleicht bin ich gar kein Segler. Nicht in dem Sinne, in dem diese Menschen hier Segler sind. Wenn das die Mehrheit ist, dann bin ich irgendetwas anderes. Ein Reisender, der das Segeln nur als Vehikel gewählt hat. Ich möchte frei sein – und das scheint mir im Moment nur noch auf dem Meer möglich. Sich den Regeln eines Rennens unterordnen, nach Wochenendplan ablegen und nach Wochenendplan zurückkommen – das wäre das Gegenteil von allem wofür Pegasus steht.

Am Tag des Starts potenziert sich der Zirkus bis zum Exzess. Mehrmals werden wir beinahe von ablegenden Yachten gerammt. Nur beherztes Eingreifen verhindert Schlimmeres. Jenny drückt mit ihrem bloßen Fuß ein ablegendes Boot weg um unsere Windsteueranlage zu retten – voller Körpereinsatz, eigentlich genau das was man nicht tun sollte. Später, gefragt warum, zuckt sie nur mit den Schultern: „Für Pegasus mache ich alles." Claude – ich habe mir erlaubt ihm einen Namen zu geben, denn er hat keinen verdient der in Erinnerung bleibt – hat es schlicht nicht drauf, seine Wochenendyacht zu manövrieren.

Um 1400h fällt draußen in der Bucht der Startschuss. Eine Stunde später ist der Hafen wie ausgestorben. Die Stille ist fast komisch nach all dem Lärm. Wir genießen sie – und die ultimativ besten Croissants einer kleinen Bäckerei am Ende des Hafen, die uns für den Rest der Woche nicht loslassen. Manche Dinge brauchen keinen Hochglanz.

Sie hält nicht lange. Noch vor Sonnenuntergang kommen die ersten Rennyachten zurück. Zerrissene Segel, zerzauste Crews. Der Starkwind da draußen macht keinen Unterschied zwischen gesponserten Profis und Wochenendseglern. Das Meer urteilt nicht nach Bootsklasse.

Wir nutzen einen der ruhigeren Nachmittage für einen Ausflug – auch um dem Rennirrsinn für ein paar Stunden zu entkommen. Zu viert – Jenny, David, Flo und ich – wandern wir zu den Menhiren von Carnac. Tausende von Steinen, in langen Reihen aufgestellt, mindestens viertausend Jahre alt. Stumm stehen sie in der Landschaft als hätten sie schon immer hier gestanden und als würden sie noch stehen wenn wir alle längst vergessen sind. Warum sie hier stehen, weiß bis heute niemand genau. Vielleicht ist das das Schönste an ihnen. Nicht alles braucht eine Erklärung.

Auf dem Rückweg sprechen wir wenig. Vielleicht denken wir alle dasselbe.

An einem der ruhigeren Nachmittage – die Regatta irgendwo draußen auf dem Golf de Gascogne in vollem Gange, der Hafen still und verlassen – klopft es an die Bordwand. Flo streckt seinen Lockenkopf ins Cockpit, grinst breit und hält uns eine Plastiktüte vor die Nase. „Wollt ihr Austern?"

Ob ich wirklich Austern möchte, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Aber ich habe noch nie welche gegessen – und wo wenn nicht hier, wo sie direkt vor der Stadt gezüchtet werden. David geht beherzt mit dem Dosenöffner zu Werke und knackt sie auf. Wir sitzen zu viert in der Plicht, jeder eine Auster in der Hand, schön mit Zitrone garniert, und schauen uns unschlüssig an.

Wir probieren. Aber eine reicht nicht um sich eine Meinung zu bilden. Also flitzen wir schnell zum Fischmarkt, zur netten Dame am Austernstand, und bitten sie vier zu öffnen. Flo und ich bestellen gleich nochmal zwei. Es ist wirklich etwas ganz Eigenartiges. Kein Soulfood – aber auch mit nichts wirklich zu vergleichen. Sie schmecken wie der Atlantik: klar und doch komplex, und die Konsistenz ist irgendwie... einzigartig. Fester als jede Muschel die ich je gegessen habe. Die Dame am Stand betrachtet belustigt unser Mienenspiel. Als wir ihr erzählen, dass wir heute zum ersten Mal Austern gegessen haben, lacht sie nur – und verrechnet uns keinen Cent. Jenny hat das alles mit stoischer Gelassenheit über sich ergehen lassen und bringt es auf den Punkt: „Galette und Crêpes sind mir lieber."

David und Flo brechen zwei Tage vor uns auf. Flo ist schließlich zum Segeln gekommen, nicht zum Hafenliegen – und David braucht keinen zweiten Grund. Wir winken ihnen nach und sind ehrlich gesagt froh, wieder zu dritt zu sein. Jenny, ich, Pegasus. Unsere ganz persönliche Dreieinigkeit braucht manchmal auch ihre Stille.

Wir verholen nach Crouesty, ein weiterer Riesenhafen ein paar Meilen weiter, um den letzten Starkregen abzuwarten, Vorräte aufzufüllen und uns in Position zu bringen. Die Belle-Île wartet. Und mit ihr der nächste Abschnitt dieser Reise.

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