PJ/19 "Vendée - Teil 2"



Am Morgen des 26. Mai werden die Leinen wieder gelöst. Die bretonische Gwenn ha Du kommt aus der Saling – an ihrer Stelle hissen wir das Heilige Herz der Vendée. Ein stiller, fast zeremonieller Moment. Wir brauchen Kulissenwechsel. Und wir freuen uns seit Längerem auf die Île d'Yeu.

Es wird ein weiterer Tag in blendendem Blau und Weiß auf See. Wir sind langsam – im Schnitt drei Knoten – aber es ist auch entspannt. Wir lesen, dösen, essen, während eine leichte Brise uns südwärts trägt. Zwischendurch, wenn der Wind unter zwei Beaufort abflaut, lassen wir die Maschine laufen. Um 1500h fällt der Anker in der Anse de Ker Chalôn, im Südosten von Port-Joinville. Den Abend vertrödeln wir an Bord. Ich versenke mal wieder einen Köder beim Versuch, einen der überall um uns herum springenden Fische zu fangen. Mehr Aktivität lässt die Hitze nicht zu.

Am nächsten Tag erkunden wir die Insel zu Fuß. Vom Strand aus gelangen wir nach einer Viertelstunde in den Ort. Die Île d'Yeu war einmal bekannt für ihren Thunfischfang – heute gehen nur noch eine Handvoll Fischer diesem Handwerk nach, während der Großteil der Fischindustrie längst auf Häfen am Festland abgewandert ist. Im alten Gebäude der Seefahrtsakademie hat sich ein kleines Museum eingerichtet, das diese Geschichte liebevoll bewahrt. Zwei Damen und ein alter Herr empfangen uns freudestrahlend. Wir dürfen auf denselben Schulbänken Platz nehmen, auf denen schon vor über hundert Jahren die Kapitäne der Fischerboote die Kunst der Navigation lernten. Ein Film wird vorgeführt – er urteilt nicht, zeigt den Niedergang der Fischerei auf der Insel aber auch die Industrialisierung eines alten Handwerks. Wir sehen Aufnahmen aus alten Tagen, Männer auf Holzbooten, verwitterte Gesichter die mit leuchtenden Augen aus einer Zeit erzählen die längst nicht mehr ist. Von Tagen in denen jeder Thunfisch noch einzeln gefangen wurde – hin zu einem Heute wo mehr Maschinen als Menschen endlose Berge toter Leiber aus dem Meer ziehen.

Danach gibt uns Patrice – alter Herr, Fischer, natürlich – eine Privatführung durch den Ausstellungsraum. Er kennt jede Gerätschaft, beschreibt jede Methode, weiß alles was man über den Fischfang in dieser Ecke der Welt wissen kann. Wir verstehen die Hälfte und merken uns noch weniger. Aber das spielt keine Rolle. Was bleibt ist das Gefühl, jemandem begegnet zu sein der sein Leben lang dasselbe geliebt hat.

Wir verlassen das Museum mit einem Gefühl der Zerrissenheit. Wir wissen um die Überfischung der Meere. Und doch ist die Fischerei Lebensgrundlage vieler Menschen. Vielleicht sollten wir in den reichen Industrieländern uns das auferlegen, was wir von indigenen Völkern beim Walfang erwarten – einen Fischfang ohne moderne Fangmethoden. Aber das ist utopisch. In Wahrheit wird heute mehr Fisch gefangen als je zuvor, während gleichzeitig weniger Menschen diese Arbeit ausüben. Patrice weiß das. Und er fischt trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb.

Wir schlendern den Nachmittag durch die Gassen, sitzen im Schatten einer kleinen Bar, trinken kaltes Bier und beginnen unsere Gedanken langsam Richtung Spanien zu lenken. Weit ist es nicht mehr. Auf dem Rückweg zum Strand liegt plötzlich ein riesiger Berg Lebensmittel am Straßenrand. Eindeutig vom Laster gefallen, achtlos liegen gelassen, die Hälfte aufgerissen und aufgeplatzt. Wir stöbern nach unversehrten Dingen. Fünf Packungen Kaffee werden unser Fang des Tages. Wir können nicht alles vor der Mülltonne retten – aber wenigstens das.

Wir haben keine Eile zurück an Bord zu kommen. Dort erwartet uns nichts als Hitze. Also suchen wir einen schattigen Platz am Strand, essen Brathähnchen mit den bloßen Fingern wie Piraten und trinken kühles Bier. Das Leben könnte schlechter sein.

Am Donnerstag, dem 28., geht es weiter nach Les Sables-d'Olonne. Jeder Segler kennt diesen Namen. Von hier aus starten einige der berühmtesten Offshore-Regatten der Welt – die Vendée Globe allen voran. Nachdem wir beim Ar Men Race schon einen kleinen Einblick in die Rennseglerszene bekommen haben, macht es uns neugierig, in ihr Epizentrum zu blicken. Die Fahrt selbst ist denkbar unspektakulär. Der Wind ist wie so oft dieser Tage schwächer als angesagt und so laufen wir sechs Stunden auf direktem Kurs unter Maschine.

Wir sind nichts als erleichtert als um 1600h der Anker vor dem Hafen fällt. Das Dröhnen des Motors und die knallharte Sonne nehmen einem die Fähigkeit klar zu denken. Unter unserem wild zusammengebastelten Sonnendach liegen wir halbnackt und schütten so viel Wasser in uns rein wie nur möglich. Irgendwann haben wir den Tag überlebt. Die Sonne verschwindet hinter der Stadt und quält die Menschen an anderen Orten der Welt. Da taucht plötzlich ein schwarzes RIB aus dem Kanal auf der zum Hafen führt und hält direkt auf uns zu...

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