PJ/18 "Côte des Mégalithes"











Wir verlassen Concarneau am Morgen des 11. Mai unter einem gleißend blauen Himmel. Ein paar zerrissene Wolken jagen wie Federn Richtung Süden – als wollten sie uns zeigen, wohin die Reise geht. Wir fahren unter Maschine hinaus in einen tiefblauen Atlantik. Unser Ziel ist Locmaria, eine kleine Bucht am Ostende der Île de Groix. Knapp dreißig Seemeilen. Nach der ersten Stunde machen wir den Motor aus.

Der starke Norder lässt Pegasus mit bis zu sieben Knoten davonstürmen – beinahe beängstigend, wenn neun Tonnen Stahl unaufhaltsam durch die Wellen schneiden. Purer Segelspaß unter vollen Segeln. Der Wind nimmt nochmal auf fünf Beaufort zu, wir binden ein Reff in jedes Segel ohne an Geschwindigkeit einzubüßen und hinterlassen ein schäumend weißes Kielwasser. Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, dass wir aus reiner Freude, ohne Zeitdruck, ohne drohende Tide oder Unwetter das Boot bei Höchstgeschwindigkeit laufen lassen konnten. Heute läuft es einfach. Alles stimmt, alles geht leicht von der Hand. Wir müssen nichts tun außer Pegasus das zu geben was sie braucht. Ein bisschen Trimmen, die richtige Menge Tuch, das Ruder auf Kurs halten: Ost-Süd-Ost. Wir passieren das Leuchtfeuer Trévignon und bald kommt der Leuchtturm Pen Men in Sicht, der die westliche Spitze der Île de Groix markiert.

Sobald wir die Insel erreichen, kommen wir in ihren Windschatten. Mit einem Schlag laufen wir nur noch mit drei bis vier Knoten – optimale Geschwindigkeit zum Angeln. Kaum ist die Langleine draußen, zuckt die erste Makrele am Haken. Ein zweiter Fang wäre gut, von einem wird man nicht satt. Die Leine geht wieder raus. Es dauert keine fünf Minuten. Diesmal hängen gleich drei silberblau glänzende Makrelen dran. Jetzt wird es hektisch in der Plicht. Ich hole die zappelnden Fische rein ohne die Leine zu verknoten und ohne Jenny oder mir die Haken einzujagen. Dann beginnt das Blutbad. Kehlen werden aufgeschlitzt, dunkles Blut spritzt und fließt über den Boden, sammelt sich in der Kante auf der Leeseite und findet seinen Weg zum Abfluss - zurück ins Meer. Leben und Tod liegen nah beieinander. Bäuche aufschneiden, Innereien herausreißen – und ich muss mich beeilen, denn die Ankerbucht ist schon in Sicht.

Die Anfahrt hat es in sich. Untiefen überall, ein schmales Fahrwasser, Fischerbojen wo man hinschaut. Jenny am Ruder, ich an der Karte. Um 1415h fällt der Anker in kristallklares Wasser. Ich kann sehen, wie er in viereinhalb Metern Tiefe im Sand aufschlägt und eine kleine Staubwolke aufwirbelt. Erschreckte Fische flitzen als dunkle Schatten davon.

Wir rudern mit dem Dinghy zu einem kleinen Strand und erkunden die Insel zu Fuß. Es riecht nach Sommer – nach warmem Stein, trockenem Gras, wilden Blumen die sich in die Felsspalten zwängen. Eidechsen huschen über den Weg. Irgendwo in den Büschen singen Vögel. Barfuß spazieren wir die Küste entlang, die Sonne brennt angenehm auf den Schultern, die Welt ist für ein paar Stunden weit weg. Es weht ein Hauch von Urlaub durch diesen Nachmittag – und es ist merkwürdig: man fühlt sich immer wieder an Orten angekommen, die man nie als Ziel auserkoren hatte.

Am Nachmittag kommt die Orca. Wir machen sie schon aus der Ferne aus: weißer Rumpf mit schwarzem Streifen, schwarzes Rigg. David hat Flo mitgebracht – einen guten Freund, neugierig auf die Welt und das Reisen, einer dieser Menschen die man sofort mag weil sie einem das Gefühl geben, dass das Leben genug bereithält um nie gelangweilt zu sein. Die beiden kommen in einem großen Bogen aus Westen. Doch sie ziehen den Bogen zu weit. Die Orca nähert sich der Untiefe. Wir winken, deuten, keine Reaktion. Ich rufe David an: Steuerbord, sofort, auf die Markierungen zuhalten, bloß nicht weiter nach Backbord. Kaum habe ich aufgelegt, kommt die Orca mit einem Schlag zum Stehen. Das Rigg scheppert als wollte es sich vom Boot lösen. Aufgesessen. Das Boot wird von seiner eigenen Heckwelle um neunzig Grad auf die Seite gedreht. Davids Echolot ist ausgefallen, die elektronische Seekarte zeigt nicht die korrekte Position - aber das darf keine Entschuldigung für einen Skipper sein. Ein Motorboot kommt vorbei, der Skipper schaut, greift aber nicht ein. Dann dreht die Maschine auf höchsten Touren im Rückwärtsgang. Nichts. Noch ein paar Ausschläge mit dem Ruder, ein letztes Schaukeln – und die Orca kratzt sich frei. Wir haben das Ganze ohnmächtig aus der Ferne verfolgt und sind froh, dass es gut ausgegangen ist. Davids Nerven sind aufgebraucht. Er wirft den Anker fast direkt in der schmalen Einfahrt. Mehr Risiko ist für heute nicht mehr drin.

Beim Abendessen am Strand – frische Makrelen auf dem Grill, der Himmel schon orange – können wir bereits die ersten Witze darüber machen. Lucky Käptn Sandbank. Die Orca hat nicht mehr als ein paar Kratzer abbekommen, kein Wassereinbruch, alle Kielbolzen an Ort und Stelle. Sie ist wohl doch robuster als sie aussieht.

Der nächste Morgen bringt drei bis vier Windstärken aus Nordnordwest, im Tagesverlauf auf West drehend und auf vier bis fünf Beaufort aufbrisend – der ideale Wind um uns in die Bucht von Quiberon zu tragen. Dazu ein Himmel so blau, dass es in den Augen brennt. Sobald wir vom Ankerplatz frei sind, setzen wir alles an Tuch was angeschlagen ist. Am Horizont im Osten zeigen uns ein paar Federwölkchen wo die Halbinsel Quiberon und die Belle-Île liegen.

Doch der Wind ist schwächer als angesagt. Pegasus schlendert verträumt Richtung Osten. Wir frühstücken, werfen die Angelleine aus und liefern uns ganz nebenbei eine Regatta in Zeitlupe mit der Orca. Davids Boot ist leichter, seine Genua auch – er kann direkter vor dem Wind fahren ohne, dass das Vorsegel einfallt. Unsere Genua steht nur wenn ein kräftiger Wind sie in Form drückt, also segeln wir nicht ganz so tief vor dem Wind und halsen immer wieder. Schneller, aber mit mehr Strecke. Alle zwei Stunden nähern sich die beiden Boote an. Es ist das schönste Rennen das man sich vorstellen kann, denn niemand muss gewinnen.

Kurz nach Mittag fallen wir auf zwei Knoten ab. Für eine Viertelstunde schmeißen wir die Maschine an – aber der Lärm fühlt sich heute besonders falsch an. Wir machen sie wieder aus und genießen den Kriechgang. Auf den Trichter eines unserer Leichtwindsegel aus der Backskiste zu holen, werden wir erst Tage später kommen.

Am Nachmittag kommt Bö für Bö der vorhergesagte Wind. Gegen 1500h nähern wir uns Quiberon. Jenny steht am Ruder. Sie sammelt solche Passagen wie andere Briefmarken – und sie hätte das Ruder in diesem Moment an niemanden abgegeben. Zwischen der Landspitze bei Quiberon, der Belle-Île und der Insel Houat und jeder Menge Steine im Wasser stellt sich der altbekannte Effekt solcher Passagen ein: Wellen die höher und steiler werden. Doch das kann uns heute nicht erschüttern. Der Ärmelkanal hat uns das Einmaleins der Navigation eingebläut. Wir donnern mit Brassfahrt dem Leuchtturm La Teignouse entgegen, passieren ihn und im Moment wo wir nach Backbord abdrehen und die Landabdeckung in Luv haben, schrumpfen die Wellen als hätte man sie zurechtgewiesen.

Orca und Pegasus liegen noch immer gleich auf. Beide mit Kurs auf Trinité-sur-Mer. Wir haben früher angeluvt und segeln über der Orca – müssen nicht so hoch an den Wind ran und können schneller laufen. Mit dem letzten Wind der für heute noch in der Bucht steht holen wir auf, lassen die Orca steuerbord achteraus und laufen in den Hafen ein. Zwanzig Minuten später kommt die Orca.

Aber nicht in irgendeinen Hafen. Hier in Trinité-sur-Mer beginnt das Segelmekka der französischen Atlantikküste. Einen dichteren Mastenwald haben wir nie zuvor gesehen – hunderte Masten die sich im Abendlicht wiegen wie ein stiller Wald aus Aluminium und Carbon. Wir machen fest, schalten den Motor ab und schauen uns an. Hierher wollten wir. Hier sind wir.

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