Pegasus knows best
Mein erster Gedanke ist: nicht schon wieder. Ich brauche es wirklich nicht, dass Behörden mit Kampfstiefeln und Bewaffnung unser Boot durchstöbern. Aber das schwarze Schlauchboot hält hartnäckig auf uns zu. Beim Näherkommen fallen mir zwei Flaggen an den Seiten auf. Vendée Arctique steht dort in weißen Lettern. An Bord stehen zwei junge Männer – der eine entspannt am Ruder, der andere entnervt mit einem Funkgerät in der Hand. Er redet wild auf uns ein und ich verstehe nur langsam was los ist. Unser Ankerfeld wurde für heute Nacht zum Sperrgebiet erklärt. Wir liegen in der Sicherheitszone für die Drohnenshow mit der die Vendée Arctique eröffnet werden soll. Das zweite IMOCA-Rennen dieser Saison – und wir mittendrin. Einmal Anker auf und zweihundert Meter weiter fallen lassen, kein Problem.
Doch nichts ist so beständig wie die Unbeständigkeit. Kaum läuft es mal eine Weile wie geschmiert, muss man höllisch wachsam sein. Als ich den Anker hochziehen will, höre ich den Motor nicht laufen. „Du kannst die Maschine starten", rufe ich zu Jenny nach achtern. Nichts. Als ich in die Plicht steige, sehe ich Jenny verzweifelt am Startknopf herumdrücken. Der Motor bleibt davon unbeeindruckt. Während die Boote rings um uns das Feld räumen, bleiben wir an Ort und Stelle wie ein gestrandeter Wal. Ich räume den Zugang frei, öffne den Motorraum. Ein elektrisches Problem muss es sein. Ich prüfe alle Kabel, alle Verbindungen – kein Bruch, kein abgerutschtes Kabel, Spannung liegt überall an. In meiner Verzweiflung sprühe ich sämtliche Verbindungen großzügig mit Kontaktspray ein. Und tatsächlich – die Maschine springt an.
Mittlerweile ist es nach Mitternacht. Von der Drohnenshow haben wir bei der ganzen Aktion nichts mitbekommen. Jetzt noch zu verholen scheint auch nicht mehr nötig. Da sitzen wir also, genau wie zwei Stunden zuvor, froh dass die Maschine wieder läuft – und vollkommen erledigt. Da dringt plötzlich ein hohes Summen zu uns heran. Es klingt wie ein gigantischer, wütender Hornissenschwarm und wird immer lauter. Auf einen Schlag leuchtet der Himmel direkt über uns hell wie eine Reklametafel. Die Drohnenshow – und wir haben Backstagepässe. Zehn Minuten lang fliegen hunderte Drohnen durch den Nachthimmel und malen dreidimensionale Bilder und Schriftzüge ins Schwarze. Wir sitzen in der Plicht, Kopf im Nacken, und lachen.
Am nächsten Morgen springt der Motor tadellos an. Wir hätten einfach weiterfahren können. Aber wir tun es nicht. Etwas hat in der Nacht nicht gestimmt und wir wollen wissen was. Also fahren wir in den Hafen – bewusst, ohne die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen. Und gut so.
Am Liegeplatz schaue ich erneut in den Motorraum. Als ich den Kabeln folge, fällt mein Auge auf etwas Unerwartetes. Der Mischbogen – jenes Teil in dem Kühlwasser und Abgase gemischt und durch den Auspuff nach draußen geleitet werden – ist schlimm aufgequollen. Zwei Risse haben sich gebildet, aus denen feine Rostnasen laufen. Wenn dieses Teil richtig aufreißt, haben wir im Handumdrehen das Boot voll Wasser und Abgase.Ich lehne mich zurück und denke. Wäre uns der Mischbogen irgendwo mitten auf See geplatzt, hätte uns das in echte Schwierigkeiten bringen können. Vielleicht Seenot. Man kann als Seefahrer nicht umhin, einen Hang zum Aberglauben zu entwickeln. Hat Pegasus sich geweigert weiterzufahren, bevor wir den Schaden entdeckt hatten? Hat sie uns auf die einzige Art kommuniziert die ihr zur Verfügung steht – durch Schweigen? Ich weiß es nicht. Aber ich danke ihr trotzdem.
Wir brauchen dringend Ersatz. Die erste Recherche ergibt: Vetus stellt dieses Teil nicht mehr her. Wo immer wir es online finden, ist es ausverkauft. Es scheint auf der ganzen Welt nicht mehr zu existieren. Wir mobilisieren jeden in unserem Freundeskreis der irgendetwas von Booten versteht. Wir bringen das alte Teil zu einer Schlosserei in der Hoffnung es lässt sich reparieren. Wir schmieden Pläne einen Mischbogen selbst zu schweißen. Wir laufen zu jedem Yachtausstatter den Les Sables-d'Olonne zu bieten hat. Die Verkäufer schauen pflichtbewusst in ihre Bestelllisten, zucken die Schultern, schauen uns mit großen Augen an. Nein, das können wir nicht mehr bestellen. Nennen sich Yachtservice und haben jenseits der Katalogbestellung keine Lösungsvorschläge.
Nach vier Tagen habe ich einen alten Dänen am Telefon. Ja, sagt er, sowas hat er noch im Regal. Wir unterhalten uns in einem Mischmasch aus Englisch, Deutsch und Dänisch, verstehen uns halb und halb – aber das Wesentliche kommt durch. Er ist der Einzige auf der ganzen Welt der uns helfen kann. Er schickt uns ein Foto. Das Teil sieht aus wie der Mischbogen für einen etwas kleineren Motor, aber mit einer Adapterhülse auf der Auspuffseite sollte es klappen. Es muss klappen. Noch bevor er eine Rechnung ausgestellt hat, lackiert er das gebrauchte Teil frisch und schickt es am nächsten Tag auf den Weg. Unsere ganze Hoffnung liegt nun in einem Paket aus Dänemark, in Luftpolsterfolie und Papier gewickelt. Wir bestellen gleich noch einige andere Motorersatzteile nach – alles was schon einmal gezickt hat soll jetzt getauscht werden. Dann beginnt das Warten.Es gibt natürlich immer was an Bord zu tun. Aber wir versuchen uns ein bisschen von den Bootsproblemen abzulenken, denn ohne Teile kommen wir ohnehin nicht weiter. Die Boat-Life-Balance will gepflegt sein. Also besuchen wir das Festivaldorf der Vendée Arctique, besichtigen die IMOCAs aus nächster Nähe, sehen den Skippern bei der Vorstellung auf der Bühne zu. Und Les Sables-d'Olonne selbst entpuppt sich als durchaus sehenswerter Ort. Der riesige Sandstrand lädt zum Baden ein, die Promenade ist gesäumt mit Restaurants aus denen es aus jedem verlockender riecht als aus dem vorherigen. Am Hafen sitzen wir bei bezahlbaren Cocktails in der Abendsonne und stellen fest: der aufgezwungene Stillstand lässt sich diesmal erstaunlich gut ertragen. Vielleicht weil die Sonne scheint. Vielleicht weil uns an nichts mangelt. Vielleicht weil wir langsam gelernt haben, dass Warten kein verlorener Zustand ist.Der große Moment kommt am Morgen des Rennstarts. Neun IMOCAs – die schnellsten Einhandsegelboote der Welt – müssen durch den Kanal hinaus auf den Atlantik. Wir stehen am Ufer unter hunderten von Zuschauern, Fans mit Flaggen, ein Kommentator der jeden Skipper und jedes Boot bei der Durchfahrt vorstellt. Die Boote gleiten im Schritttempo durch den Kanal, unter Motor, lautlos und fast feierlich. Auf den Decks stehen die Skipper und ihre Helfer, winken den Fans zu, genießen diesen letzten Moment vor dem Alleinsein auf dem Atlantik. Der Kommentator nennt jeden Namen, jedes Boot. Die Menge jubelt. Und dann sind sie weg, eine nach der anderen, als wären sie nie da gewesen. Zurück bleibt ein leerer Kanal und das leise Gefühl, etwas Besonderem beigewohnt zu haben.Zehn Tage nach unserer Ankunft treffen alle Pakete auf einmal ein. Als wir den Mischbogen aus Dänemark auspacken, fallen uns beinahe die Augen aus dem Kopf. Nicht vor Schreck – vor Freude. Es ist nicht der für den kleineren Motor. Es ist exakt der gleiche wie unser kaputter. Gebraucht, ja – aber in einwandfreiem Zustand, frisch lackiert, bereit. Der alte Däne irgendwo im Norden hat uns gerettet ohne je unseren Namen richtig verstanden zu haben.
Am nächsten Tag ist nach nicht mal vier Stunden alles verbaut. Der Mischbogen, eine neue Lichtmaschine, ein neuer Anlasser, eine neue Seewasserpumpe. Alles was uns schon einmal geärgert hat ist jetzt neu. Pegasus ist wieder startklar.
Und Spanien ist zum Greifen nah.








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