Am Absprung

Wir kommen endlich von Les Sables-d'Olonne los. Im Gepäck: ein frisch gewarteter Motor, volle Tanks und einen Hunger auf Spanien der sich in den letzten Wochen zu etwas Unbeherrschbarem aufgestaut hat. Die Île d'Oléron soll unsere letzte Etappe auf französischem Boden sein – von hier kann man perfekt nach Süden starten. So der Plan.

Das Wetter hat andere Pläne.

Ein wilder, unberechenbarer Mix aus Flaute und kurzen, heftigen Starkwindfeldern mit bis zu zehn Beaufort wechseln sich ab als würde jemand ständig an einem Schalter spielen. Wir zögern. Fahren zur Île d'Aix, ankern vor der Westseite der Île d'Oléron, segeln vorbei am Fort Boyard – diesem kantigen Koloss der aus dem Wasser ragt wie eine gestrandete Festung aus einer anderen Zeit. Von Napoleon in Auftrag gegeben, war es bei seiner Fertigstellung bereits militärisch veraltet und wurde nie ernsthaft als solches genutzt. Stattdessen wurde es in den Neunzigerjahren zur Kulisse einer Fernsehshow in der Kandidaten Rätsel lösten, Schlüssel fanden und Abenteuer bestanden. Wer unserer Generation kennt es nicht. Heute steht es einfach so da, majestätisch und leicht absurd, mitten in der Mündung der Charente und wartet auf seine Sanierung. Wir fahren schließlich in den Hafen von La Rochelle ein. Fünfeinhalbtausend Boote liegen hier. Es scheint als würden die Marinas im Golf de Gascogne nach Osten hin immer größer werden. Wirklich wohl fühlen wir uns nicht. Nach zwei Nächten zieht es uns wieder hinaus Richtung Oléron.

Wir ankern einen Nachmittag vor der Insel, dann nehmen wir die auflaufende Flut um in den kleinen Hafen von St. Denis an der Nordspitze einzufahren. Was wir nicht eingeplant haben: drei andere Yachten haben exakt dieselbe Idee zur selben Zeit. Und mitten in der Einfahrt treibt ein schwimmender Bagger. Der Hafenmeister düst mit einem kleinen Boot um alles herum und versucht Ordnung zu schaffen – ihr folgen, ihr warten, ihr noch nicht. Eine Frau ruft von Deck: „Was macht der Bagger da?" „Der Bagger baggert", kommt die trockene Antwort. Der Hafenmeister lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Nach einer Viertelstunde haben wir einen Platz im kleinen aber vollen Hafen.

Und dann – Oléron.

Die Insel ist ein Glücksfall. Nicht nur weil sie wunderschön ist und uns einen Abschied von Frankreich ermöglicht, der unseren bisherigen Eindrücken gerecht wird. Sie gibt uns vor allem das, was wir dringend brauchen: Ruhe. Einen ganzen Tag reden wir nicht übers Wetter. Kein Wetterbericht, keine Diskussion, keine Prognosen. Wir schlendern über den kleinen Markt im Ortskern, liegen am endlosen Strand direkt neben dem Hafen, essen in einem netten kleinen Restaurant Burger mit den Fingern und sitzen abends auf einen Cocktail in einer der vielen Kneipen am Hafen. Kleinigkeiten. Aber manchmal sind es genau die Kleinigkeiten die einen wieder erden. Und als die Hafenmeisterin uns am dritten Abend mitteilt, dass die Nacht gratis ist, fühlt sich auch das nach einem kleinen Zeichen an. Durchatmen. Noch einmal.

Aber ganz verschwindet sie nicht, die innere Unruhe. Kann sie nicht.

Fast zweihundert Seemeilen liegen zwischen uns und Spanien. Kein nennenswerter Hafen unterwegs – praktisch nur Sandstrand bis zur spanischen Grenze. Die wenigen Häfen die es gibt sind nur bei leichtem Wetter anlaufbar. Arcachon sieht auf der Karte verlockend aus, doch wandernde Sandbänke machen die Navigation dort zum Glücksspiel. Die Biscaya hat einen gewissen Ruf. Und ein solcher Ruf entsteht nicht aus dem Nichts.

Trotz aller Erfahrung die man sammelt bleibt ein Hauch Unsicherheit. Das ist keine Schwäche – das ist Vernunft. Jede Passage ist ein Fall für sich, einzigartig und in diesem Sinne ungewiss. Man kann sich gegen die See nicht abhärten. Wer das behauptet, lügt oder hat noch nicht genug erlebt.

Wir reden. Viel. Zu viel vielleicht, oder gerade genug. Es gibt Momente wo die Diskussion an die Grenze des Streits stößt. Jenny ist von uns beiden die Besonnenere. Sie analysiert, wägt ab, lässt sich nicht von der Ungeduld treiben – das ist ihre Stärke. Ich bin da anders. Mein erster Instinkt ist: Ich nehme was kommt. Manchmal ist das Mut. Manchmal ist es Leichtsinn. Der Unterschied liegt im Detail – und Jenny kennt diesen Unterschied besser als ich.

So kreisen wir. Um die Insel, um die Frage, um uns selbst. Wie lange wollen wir auf ein perfektes Wetterfenster warten? Wird es ein solches überhaupt geben? Welche Bedingungen sind wir bereit zu ertragen?

Am 20. Juni – unserem letzten Tag auf der Île d'Oléron – hat sich das Wetter soweit eingerenkt, dass nur noch ein Starkwindfeld zwischen uns und Spanien steht. Ein Umstand mit dem wir beide leben können. Wir werden mit viel Flaute nicht schnell sein. Aber ein Schlag von achtundvierzig Stunden und zweihundert Seemeilen – das trauen wir uns zu. Nicht weil das Wetter perfekt ist. Sondern weil wir wissen, das wir es können. Weil wir seit unserem Aufbruch Erfahrungen gemacht und Fähigkeiten entwickelt haben, die uns jetzt tragen.

Die Bestärkung fanden wir nicht im Wetterbericht. Wir fanden sie in uns selbst.

Die Leinen werden morgen losgeworfen. Spanien, du kannst dich uns nicht mehr entziehen!

Kommentare

Beliebte Posts