PJ/9 "Zeeland"

Am nächsten Morgen, den 25. November, liegt ein leichter Nebel über dem Wasser.


Die Wettervorhersage ist undeutlich und so warten wir bis zum Mittag bevor wir unsere Reise durchs Binnenland beginnen. Acht Tage werden wir brauchen, um das niederländische Hinterland zu durchqueren. Vom "Nieuwe Waterweg" biegen wir für unsere erste Etappe in die "Ouwde Maas" Richtung Südosten ab. Als erstes Hindernis stellen sich uns gleich zwei Brücken in den Weg. Unsere größte Sorge und der Grund, wieso wir uns trotz aller Vorteile mehrfach gegen die Kanäle entschieden haben, sind genau diese unzähligen Brücken. Es gibt nur sehr wenige davon, unter denen Pegasus mit ihrer Höhe von 15 Metern hindurch fahren könnte. Das heißt wir sind für unser Weiterkommen darauf angewiesen, dass man sie uns öffnet. Doch jetzt, nachdem die Segelsaison ihr herbstliches Ende gefunden hat sind wir nicht sicher wie kooperativ man uns gegenüber sein wird. Wir wissen, dass sämtliche Brücken und Schleusen auf unserem Weg in Betrieb sind, aber konkrete Öffnungszeiten gibt es nicht. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als heranzufahren und die Brückenwärter anzufunken. Als erstes ist die "Botlegbrug" an der Reihe. Die Rückmeldung kommt widerwillig, doch im Moment in dem wir die Brücke erreichen, ein schrilles klingeln, rotierende Warnlampen und diese massive Stahlspantenbrücke hebt sich in die Höhe als hätte sie kein Gewicht. Ein Tor tut sich auf, durch das ein Ozeanriese hindurchfahren könnte - Nur für Pegasus. Vor der "Spijkenisserbrug" gleich darauf wiederholt sich die Prozedur. Die Wartezeit geht gegen Null. Und auch hier wird der gesamte Verkehr gestoppt, eine gigantische Hubbrücke steigt in die Höhe - nur für Pegasus. Der herrschende Schiffsverkehr, all die 100 Meter und längeren Binnenfrachter können bequem auch durch die geschlossenen Brücken fahren. Mit herab gesenktem Signalmast sind sie selbst unbeladen weniger als zehn Meter hoch. Aber hey, es heißt doch "Staande Maastroute" also öffnet uns die Brücken und rollt den roten Teppich aus!
Auf der alten Maas

Uns stimmt es an diesem Nachmittag optimistisch und wir lassen uns auch nicht vom überwältigenden Verkehr aus der Ruhe bringen, der in einem fort an uns vorbei donnert und das ganze Boot zum zittern bringt. Wir schaffen es an diesem Tag noch bis Barendrecht, wo wir eine praktisch verlassene aber sichere Marina direkt hinter dem Deich der alten Maas finden. Am nächsten Morgen wird uns klar, wieso hier nicht einmal Einheimische ihre Boote liegen haben möchten. Ein infernaler Lärm der Baustelle gegenüber treibt uns zur Flucht. Doch wie am Vortag hält uns Nebel bis kurz vor Mittag gefangen. Beim Ablegen müssen wir uns anschreien, um die Baumaschinen der Hölle zu übertönen. Nichts wie weg hier! Wir reihen uns wieder in die Kohorten von Binnenfrachtern ein, biegen erst nach Süden in den "Dortsche Kil" und dann nach Südwesten ins das Fahrwasser "Hollands Diep" ab.
Hier verlassen wir zum ersten Mal seit der Einfahrt bei Hoek Van Holland die
engen Kanäle
und es liegt eine weite Wasserfläche vor uns. Bei nahezu null
Wind tuckern wir gelassen nach Willemstad, einer spät-mittelalterlichen Festungsstadt. Der kleine Ort ist ein echtes
Juwel. Wunderschön hergerichtet wirkt der ganze Ort wie ein einziges Fotomotiv. Am höchsten Punkt die alte Windmühle und zu deren Fuße ein winziger Stadthafen, in den nicht mehr als ein halbes Dutzend Yachten passen. Besonderen Charm bekommt der Ort durch das Glockenspiel im Turm des
Alten Rathauses. Zu jeder


vollen Stunde wird eine andere kleine Melodie gespielt. Aber auch für den getriebenen Segler gibt es das nötigste: Ein kleiner Supermarkt und eine Bootstankstelle liefern neben Strom und Wasser am Steg das Nötigste. Wir bleiben drei Nächte hier und werfen am 29. November die Leinen wieder los. Auf dem Weg nach Bruinisse gilt es drei Schleusen und zwei Klappbrücken zu passieren. Auch das gelingt ohne nennenswerte Verzögerungen. In Bruinisse selbst gibt es
Muschelfischerei in "Bru"

nicht viel zu sehen, aber der Wind ist sogar so weit von der Küste entfernt stark genug um uns für weitere drei Nächte hier festzuhalten. Am 2. Dezember erst können wir weiter. Ab hier beginnt die Oosterschelde und wir müssen wieder die Gezeiten bedenken. Trotz des immer noch starken Windes kommen wir gut voran; durch den "Noord-Brabant-Kannaal" und weiter in die Westerschelde. Hier erwartet uns wieder immenser Schiffsverkehr. Wir kommen gerade aus der Schleuse und laufen in das Fahrwasser ein, da kreuzen uns schon die ersten Ozeanfrachter. Kaum haben wir uns am Rand des Fahrwassers eingereiht, werden wir ein weiteres Mal von den Behörden aufgebracht. Auf Sprechdistanz fahren sie an unser Heck heran. Wir sollen uns bei der Verkehrsleitung anmelden! Das tun wir natürlich. Es ist nur irgendwie paradox, denn zum einen nimmt man es hier sehr genau mit den Formalitäten, zum anderen scheinen die Niederländer keine Funketikette zu kennen. Wann immer wir die offiziellen Stellen per UKW anrufen, wir brauchen wenigstens drei Anläufe bis jemand sich erbarmt, uns eine Antwort in kaum verständlichem Englisch zu geben. Doch darüber wundern wir uns zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Wir haben auch keine Zeit dazu. Bis nach Terneuzen sind es noch knapp zehn Meilen und in etwas mehr als einer Stunde geht die Sonne unter. Bei Dunkelheit wollen wir nicht gerne zwischen Dutzenden von Frachtern kreuzen müssen. Das eigentlich Unmögliche gelingt uns nur mit Hilfe der starken Strömung und reichlich Drehzahl unserer Maschine. Mit über acht Knoten pflügen wir durch das bereits nachtblaue Wasser und mit den letzten Lichtpartikeln des Tages schießt Pegasus durch die von Wirbeln gesäumte Einfahrt in den Hafen.
Terneuzen ist der drittgrößte Seehafen der Niederlande und macht zusammen mit Amsterdam und Rotterdam unser Trio komplett. Doch uns lockt nicht der Ort zum verweilen, sondern das günstige Wetter zur Weiterfahrt am nächsten Mittag. Die selbe Strömung vom Abend davor spült uns nun die Westerschelde hinaus, vorbei an Vlissingen und Breskens, zurück aufs Meer.
Het ga je goed

Die Nordsee ist noch immer leicht aufgewühlt vom vielen Starkwind der vergangenen Tage. Grün-braun und sandig empfängt sie uns, wirkt eher wie ein Fluss als ein Meer. Doch das muss uns nicht weiter kümmern, denn der Himmel ist, wie man ihn sich nur wünschen kann. Babyblau und wattig-weiß getupft. Wir schlagen Kurs West-Süd-West Richtung Belgien ein. Nach 28 Tagen und über 300 Seemeilen verlassen wir die Niederlande am 3. Dezember. Noch am Nachmittag hissen wir die belgische Gastlandflagge und fahren in den Hafen von Zeebrugge ein.
Bereits in belgischen Gewässern




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