PJ/11 "Pas de Calais"
Alle Götter der See lassen uns im Stich. Der Wind macht nicht einmal den Versuch aus einer anderen Richtung als uns gegenan zu wehen. Ebenso die Wellen. Sie schieben sich Woge um Woge unserem Kurs entgegen. Alles hat sich gegen uns verschworen. Und die Aussicht ist auf Tage hin nur noch düsterer. Wenn wir den Pas de Calais, dieses berüchtigte Nadelöhr, in den nächsten Wochen durchqueren wollen, dann haben wir keine andere Wahl als heute den 11. Dezember, die Segel zu setzen. Wir werden den Durchbruch erzwingen müssen.
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| Unterwegs nach Calais |
Unter Maschine laufen wir um 1000h aus und hissen kurz hinter dem Leuchtturm unsere Segel. Hier vor Dunkerque ist nichts von der brodelnden See, die sich 40 Seemeilen weiter westlich zusammenzieht zu spüren. Die See ist ruhig und grün wie Jade. Der Himmel ist nahezu blank und die Luft kalt und klar. Vier bis fünf Windstärken wehen uns aus Südwesten entgegen, wir haben sämtliche Reffs eingebunden, die Segel sind flach wie Bretter getrimmt und wir laufen hart am Wind. Auf Höhe des Industriehafens kommt uns von Land her ein Geruch wie von brennenden Autoreifen entgegen. Es wirkt als sollten wir nicht hier sein. Sinne und Verstand sind sich bei diesem Vorhaben nicht einig. Vielleicht sind wir mutig, aber ganz sicher sind wir nicht übermütig. Der Strom bringt uns jetzt Richtung Westen, aber wir wissen auch, dass er nicht lange genug andauern wird, um ein kleines Boot wie Pegasus bis um das Kap herum zu tragen. Wir nehmen die günstige Tide mit, aber nur bis Calais. Hier, wo im Stundentakt gigantische Fähren nach Albion übersetzen wie in einer endlosen Völkerwanderung, halten wir Rast. Wir machen uns gar nicht erst die Mühe, durch das Schleusentor in den Yachthafen einzulaufen. Eine Boje im Vorhafen ist uns genug. Wir essen, planen und schlafen früh.
Am nächsten Tag, ich trage den 12. Dezember ins Logbuch ein, läuft zu Sonnenaufgang bereits wieder die Maschine. Wir steuern Pegasus aus dem Vorhafen und durch die Hafenanfahrt Richtung Westen. Dann setzen wir zusätzlich die Genua und luven auf Südwestkurs an. Bis zum nächsten, rettenden Hafen hinter der Landzunge sind es nur 25 Seemeilen. Aber der Gezeitenstrom ist heute unser einziger Verbündeter. Dagegen steht eine fast anderthalb Meter hohe Welle und Wind aus südlicher Richtung mit fünf bis sechs Beaufort. Der Himmel sieht heute unentschlossener aus als je zuvor während dieser Reise. Halb bedeckt und dunkel eingefärbt, als wollte er sich jede Möglichkeit offenhalten uns mit einer Überraschung zu traktieren. Gegen 1030h haben wir Cap Blanc-Nez backbord querab. Es ist das erste von zwei Kaps, die für uns die Durchfahrt durch den Pas de Calais markieren. Wir spüren sofort, wie die Wellen steiler werden. Eine anderthalb Meter hohe Welle kann schönstes Segeln genauso wie fürchterliches bedeuten. Es kommt vielmehr darauf an, in welchem Abstand die Wellenkämme angerollt kommen. Treffen Wellen auf Flach- oder Engstellen so wie hier, stauchen sie sich wie wenn man eine Harmonika zusammendrückt. Ein kleines, schweres Boot wie Pegasus kann einem solchen Hagel von Wellenschlägen nicht viel entgegenbringen. Und so dauert es nicht lange und wir krachen in eine Welle nach der nächsten. Jenny hält hartgesotten das Ruder und ich behalte den globalen Seeverkehr, der keine Meile an Steuerbord uns entgegen durch die Meerenge drängt, im Blick. Mit jeder Kabellänge, die wir Pegasus voran scheuchen wird das Wellenbild diffuser. Das Land reflektiert die Wellen und sie laufen nun im Akkord aus zwei Richtungen gegen unseren Bug. Immer wieder vereinigen sich zwei davon zu einer besonders hohen Wand, die praktisch senkrecht über Pegasus herfällt. Wäre nicht der Strom der uns gnädig unserem Ziel entgegen schiebt, wir würden auf der Stelle stehen. Zu allem Überfluss müssen wir höllisch darauf achten, nicht in eine der wahllos verstreuten Fischerbojen zu fahren, die hier überall wie kleine Fallen ausgelegt sind. Die Schraube könnte in deren lange und knapp unter der Wasseroberfläche schwimmenden Leinen geraten und sich darin verheddern. Das würde das Aus für die Maschine bedeuten und uns zum Umkehren zwingen.
Um 1130h passieren wir den Leuchtturm von Cap Gris-Nez und damit die schmalste Stelle zwischen Frankreich und England. Das Leuchtfeuer steht in fünfzig Metern Höhe, am Rand der Klippen und wacht stumm über uns und jeden, der es wagt, hier zu passieren. Die Genua mussten wir mittlerweile einholen, denn der Wind steht von hier an direkt gegen uns. Kreuzen können wir nicht. Zum einen steht an Backbord die mit Wracks dekorierte Küste und an Steuerbord das schwer befahrene Verkehrsgebiet. Zum anderen fehlt uns die Zeit dazu, wenn wir es noch mit der Strömung nach Boulogne-sur-mer schaffen wollen. Zwar steckt hier hinter den beiden Kaps nicht mehr so viel Energie in den Wellen, dennoch ist es eine unglaubliche Schufterei sie auszusteuern. Jede, die wir nicht in einem günstigen Winkel erwischen, bremst uns aus. Um stetig Fahrt im Boot zu haben, manövrieren wir uns im Zick-zack-Kurs entlang der Küste. Um 1330 entern wir den riesigen Vorhafen von Boulogne-sur-mer. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, ist der wilde Seegang mit einem Schlag verschwunden. Wie auf einem friedlichen Bergsee und durch türkis-blaues Wasser steuern wir auf den Stadthafen zu. Nicht einmal fünf Stunden liegen seit Calais hinter uns, doch es waren schwere Stunden. Um 1400 machen wir fest, beruhigen unsere Nerven mit einer medizinischen Dosis Rotwein und flanieren für eine Stunde in die Stadt-nur um wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Wir essen gut, ruhen uns aus und schielen bereits mit einem Auge auf das Wetter am nächsten Tag. Es scheint wieder Erwarten ungewöhnlich ruhig zu werden. Wir wollen hier nicht länger als notwendig bleiben, denn wir sind noch nicht ganz aus dem Einflussgebiet des Pas de Calais und Wind und Welle werden hier unberechenbar bleiben.
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| Vor uns das Kap |
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| Dann sind wir im Ärmelkanal |
Der nächste Tag bringt das Unglaubliche. Nachdem wir um 0900h etwas holprig abgelegt haben, die Strömung im Hafen war tückisch, entern wir eine Viertelstunde später eine ungewöhnlich ruhige See. Die Wettervorhersage vom Abend vorher hatte bereits schwachen Wind von nur zwei Beaufort gemeldet. Wir hatten entschieden, unter Motor die Etappe nach Dieppe zurück zu legen, um Strecke zu machen. Doch nun gleiten wir durch eine See, über die nicht mal ein Hauch von Wind weht. Eine alte Dünung von den Tagen zuvor steht noch aus Südwesten, aber sie wird von Meile zu Meile schwächer. Es herrscht totale Flaute. Ein Zustand, in dem wir das Meer seit Beginn unserer Reise noch nie erlebt haben. Es macht uns misstrauisch nach den bisher gemachten Erfahrungen. Wir halten direkten Kurs auf Dieppe. Mit sechs Knoten läuft Pegasus frei durch Aquamarin blaues Wasser. Seit wir den Ärmelkanal erreicht haben, sind alle sandig-erdigen Farbtöne verschwunden und wurden durch alle Schattierungen von Türkis ersetzt. Das Meer wirkt heller, als wolle es uns zuzwinkern und uns für die Anstrengungen der letzten Tage entschädigen. Während achteraus die Opalküste im Sonnenschein verschwindet, kommt die See zu völliger Ruhe. Ohne Sicht zum Land und mit stiller See unter unserem Kiel fühlen wir uns entrückt, beinahe als wären wir nicht mehr auf diesem Planeten. Von allem losgelöst treiben wir durch flüssiges Glas. Erst als kurz vor unserem nächsten Hafen ein Windpark vor der Küste auftaucht, werden wir von irdischer Realität eingeholt. Nachdem wir ihn passiert haben, korrigieren wir das einzige Mal auf dieser Überfahrt unseren Kurs, um den Hafen im richtigen Winkel anzulaufen. Es liegen noch etwa 15 Seemeilen vor uns, als die Sonne sich dem Horizont zuneigt. Zum Abschluss dieses surrealen Tages brennt die Sonne ein ebenso surreales Feuerwerk für uns ab. Erst explodieren der Himmel und die See gemeinsam in gleißendem Elektron. Alles Blau wird davon aufgesogen, bevor unser Feuerball sich mit einem grünen Blitz verabschiedet. Dann taucht sich der Westen in blutrot und violett. Es wirkt wie ein Ölgemälde und wir sind Teil der Szenerie. Keiner der alten Meister könnte auf seiner Leinwand einfangen, was sich vor unseren ungläubigen Augen abspielt. Über Indigo- und cobaltblau erobert die Nacht schließlich den Himmel und als wir die letzte Stunde in völliger Dunkelheit auf die Lichter der Stadt zusteuern und schließlich im künstlichen Schein von Leuchtdioden im Hafen festmachen, fühlt es sich an, als wären wir zurück aus einer anderen Sphäre. Als hätten wir traumgleich eine Auszeit von der Härte irdischer Element bekommen.
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| Nicht von dieser Welt |









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