PJ/10 "Flandern"

 Die Überfahrt am 5. Dezember von Zeebrügge nach Dunkerque wird zur reinen Rechenaufgabe. Eine Art Mischkalkulation aus Wind, Strom und Welle. Am Ende dieser Rechnung steht unsere Abfahrtszeit fest. Wir werfen um 0430 die Leinen los und schleichen in der Dunkelheit durch die Hafenbecken der Ausfahrt zu. Doch ein Hafen wie Zeebrügge schläft niemals. Die Industrie- und Fährkais sind grell erleuchtet und streuen ihr giftig-gelbes Licht über das schwarze Wasser. Ein tiefes, monotones Brummen liegt in über Allem in der Luft.

Einen Aspekt hatten wir in unserer Rechnung außer Acht gelassen. Den übermäßigen Sicherheitsanspruch des belgischen Hafenmeisters. Bevor wir ablegten haben wir über Funk unsere Ausfahrt angemeldet. Die Antwort war, wir hätten freie Fahrt, jedoch mit dem Zusatz wir sollen auf die Ampeln achten. Jetzt, kurz vor der Durchfahrt zum Vorhafen, springen alle Lampen auf rot, das Funkgerät krächzt-es ist die Verkehrsleitung. Eine Fähre fährt ein; die müssen wir abwarten. Vor dem kleinen Leuchtturm an der Spitze der Westmole drehen wir unsere Kreise. Wir kreisen und kreisen. Dann kommt endlich die Fähre durch. Fährt an uns vorbei, dreht um die eigene Achse und schmiegt sich achteraus an ihr Terminal. Der Weg ist nun eigentlich frei, doch wir starren weiter auf die roten Verkehrslichter. Und ziehen weiter unsere Kreise während uns die Zeit durch die Finger rinnt. Der Strom Richtung Westen wird nicht ewig stehen. Von unserer Position aus können wir beobachten, wie die Matrosen die Fähre vertäuen und die Landungsbrücken in Position gebracht werden. Dann endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit springen die Lichter auf Grün. Ich drücke den Hebel durch und lasse Pegasus lossprinten. Jetzt nur schnell raus hier bevor eine weitere Fähre eintrifft und wir im nächsten Hafenbecken festhängen.

Die Nordsee empfängt uns ein weiteres Mal mit gewohnter Härte. Eine alte Dünung lässt das Boot heftig stampfen und uns fragen ob wir unseren noch Zeitplan einhalten können. Denn wenn wir weiter so gegen die Wellen ankämpfen müssen, wird es ein langer Tag.


Doch mit der Dämmerung beruhigt sich die See und als die Sonne aufgeht steht endlich die Strömung mit uns. An Backbord steht noch ein müder Mond, der sich langsam auflöst während die Sonne  an Steuerbord gleißend durch die Wolken bricht.


Wir nehmen mehr und mehr Fahrt auf und lassen Meile für Meile die Küste Flanderns hinter uns. Wir passieren Oostende und Nieuwpoort. Der Wind ist schwach und nahezu gegenan und so laufen wir weiter unter Maschine mit unterstützung der Genua, die wir bis zum Anschlag anziehen.

Um 1030 entern wir bei Sonnenschein und blitzblauer See französische Gewässer. Ich wechsle die belgische mit der französischen Gastlandflagge aus und kurz darauf beginnt das schmale Fahrwasser, das uns von Osten her nach Dunkerque bringen wird. Im Slalom bewegen wir uns zwischen den Tonnen hindurch um den unsichtbaren Untiefen unter unserem Kiel zu entgehen. Während wir der Stadt näher kommen taucht in der Ferne ein Schiff auf Gegenkurs auf. Es kommt näher, stellt sich quer, entfernt sich wieder. Dreht wieder um und kommt uns erneut entgegen. Wir befürchten einmal wieder auf die Behörden zu treffen. Wir bleiben auf Kurs und nähern uns weiter an. Es Sendet kein AIS Signal, also muss es ein Behördenfahrzeug sein. Oder vielleicht doch ein Fischer? Durch das Glas erkenne ich einen roten Rumpf und plötzlich schießt vom Oberdeck ein massiver Wasserstrahl quer über das ganze Fahrwasser. Ein fünfzig Meter breiter Vorhang aus Wasser vernebelt die Durchfahrt. Es wirkt als wollten sie uns nach Steuerbord abdrängen. Haben wir auf der Karte etwas übersehen? Vielleicht eine Sandbank oder ein Wrack? Davon liegen dutzende hier vor dem Strand. Wir sind ratlos, müssen Kontakt aufnehmen um zu verstehen was man von uns will. Da ich selbst durchs Glas den Namen des Schiffes nicht erkennen kann rufe ich sie mit "Bateau Rouge" an. Sie melden sich prompt zurück. Was Sie von uns wollen? Gar nichts. Sie sind ein Feuerlöschboot und üben nur!


Wir brechen beinahe vor Lachen zusammen. Ich wünsche Ihnen noch viel Spaß und wir rücken im Schneckentempo weiter nach Dunkerque. Die Wartezeit in Zeebrügge holt uns jetzt ein, der Strom kippt gegen uns und dehnt die letzten Meilen immer weiter. Doch das stört uns nicht. Frankreich lacht uns entgegen und wir legen bei bestem Wetter im Hafen an.



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