Jubiläum in Dieppe
Dieppe liegt inmitten der Alabasterküste, in einer Kerbe, wie von einem Riesen in mythischer Vorzeit mit einer Axt geschlagen. Der gut geschützte Hafen war bereits vor über tausend Jahren Siedlungsgebiet der Wikinger. Seitdem legten hier die Schiffe französischer Korsaren und Entdeckungsreisender an. Heute teilt man sich als Reisender den Hafen mit einer kleinen Fischereiflotte. Es wird vor allem auf Jakobs- und Miesmuscheln, verschiedene Arten von Krabben und Hering jagt gemacht. Der Hauptumschlagplatz für die Kutter und Trawler ist direkt gegenüber der Marina. So sind unsere Nächte hier oft unruhig. Ein vorbeifahrendes Motorboot erzeugt nicht etwa ein tiefes Summen oder Brummen, wie man es vielleicht erwarten würde. Ein hoch drehender Schiffspropeller erzeugt tausende, winzigste Luftbläschen, die sofort wieder explodieren. Das Geräusch, das dabei unter Wasser entsteht klingt nach einem Betonmischer der Amok läuft. Schall wird unter Wasser besonders gut übertragen und Pegasus, wie jedes Stahlboot, ist ein hervorragender Resonanzkörper. Bald schon können wir anhand des Tons erkennen welcher Fischer ein- oder ausläuft.
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| Fische(r) schlafen nicht |
Doch bei uns an Bord steht zunächst eine kleine Feier an. Seit wir auf Pegasus segeln, haben wir mit Ankunft in Dieppe auf ihr 1000 Seemeilen zurückgelegt! Unsere ersten tausend Meilen auf eigenem Kiel. Allmählich stellt sich ein Gefühl der Vertrautheit mit dem Boot ein. Wir sind zusammengewachsen, kennen so langsam die Stärken und Schwächen. Wir vertrauen dem Boot. Ein Umstand, der sich auch daran zeigt, dass keiner von uns beiden bisher auch nur den Anflug von Seekrankheit hatte, trotz der widrigen Bedingungen. Das stärkt unsere Moral und wir stoßen mit Rotwein auf die nächsten eintausend Meilen an. Wir fühlen uns gewappnet.
Dann geht Jenny für drei Tage von Bord um in Kiel einige Termine wahrzunehmen. Ich bleibe zurück und streune alleine durch die barocke Altstadt von Dieppe. Sie ist wirklich schön und wird nur hier und dort, ganz dem französischen Pragmatismus verpflichtet, von einigen Neubauten durchkreuzt. Besonders von der Kirche im Norden hat man einen grandiosen Blick über die Stadt und die ganze Küste.Weihnachten steht kurz bevor, überall tönt die Jahr für Jahr wiedergeborene Playlist durch die Stadt, überall blinkt es in Gold, rot und grün aber es löst wenig in mir aus. Bei Gold-rot-grün denke ich sofort an die Lichterführung von Seeschiffen bei Nacht. Ich bin in einem anderen Zustand als die Menschen hier um mich herum. Es ist nicht Besinnlichkeit und Ruhe, die ich spüre oder suche. Es ist weiterhin Aufbruchsstimmung, Fernweh, Neugier und die Lust unterwegs zu sein. Ich fühle mich fehl am Platz und verziehe mich zurück an Bord. Dort mache ich mich an die Arbeit. Der Motor braucht neues Öl, am Segel muss eine neue Kausch eingenäht werden, der Petroleumtank bekommt endlich eine solide Halterung und ein bisschen Reinschiff ist auch wieder fällig.
Als Jenny zurückkommt, hat der Wind bereits auf Ost gedreht. Diesen Wind müssen wir einfangen, er kann uns ein großes Stück weiterbringen. Noch ist er viel zu stark, aber er wird sich beruhigen und dann werden wir bereit sein. Wiedereinmal brüten wir über dem Knobelspiel namens Navigation.








Glückwunsch zu 1000 Seemeilen! 💫
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