Als wir unsere treue Pegasus fanden, war sie kein junges Fohlen mehr. Vielmehr war sie verwildert und verwahrlost. Über ihre Herkunft ist uns nicht viel bekannt, nur noch eine Handvoll vergilbter Papiere erzählen von ihrer Vergangenheit. Der Erbauer ist längst verstorben und so ist nichts mehr aus erster Hand zu erfahren. Eindeutig wurde sie lange vernachlässigt und auch die Fähigkeiten unseres direkten Vorbesitzer waren bei der Wiederinstandsetzung überschritten. Das einzige Vermächtnis, dass uns von ihm bleibt ist jede Menge Spachtelmasse. So erwartete uns ein Umfang an Arbeit, den wir damals, im Winter vor fast drei Jahren, nicht einmal erahnen konnten. Seitdem haben wir an Zeit und Geld hineingesteckt was uns nur irgendwie zur Verfügung stand. Von der kompletten Erneuerung der Elektrik über den Austausch sämtlichen stehenden und laufenden Guts, bis zum vollständig neuen Lackaufbau an Rumpf und Bilge, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen. Kaum ein Zoll des Bootes an den wir noch nicht Hand angelegt haben. Aber reicht das? Ist Pegasus nun fertig? Die Antwort darauf lautet nein und wird immer nein lauten.
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| Fertiger wird's erstmal nicht |
Die große Erkenntnis zu der wir gelangten war, dass es kein fertiges Boot gibt. Wenn man irgendwann auf Reisen gehen möchte, muss man das akzeptieren oder daran verzweifeln. Selbst wenn wir alles umsetzen würden, was wir uns vorgenommen haben, kämen unvorhersehbare neue Bedürfnisse oder Probleme hinzu, sobald wir einmal auf See wären. Aber uns wurde klar, dass wenn wir segeln wollen und nicht ausschließlich basteln, muss Pegasus auch nicht fertig sein. Sie muss segelklar sein. Alle relevanten Systeme wie Rigg, Maschine oder Borddurchlässe müssen funktionieren und zuverlässig sein. Alles weitere würde unterwegs behandelt werden müssen. Und so haben wir natürlich die Backskisten auch voll mit Werkzeug und Ersatzteilen und eine ganze Reihe kleiner Baustellen und Erweiterungen, die auf ihre Umsetzung warten. Man muss ja auch ein wenig Beschäftigung für die Hafenaufenthalte haben. In Helgoland zum Beispiel, hing ich an einem Gurt über dem auf- und abhüpfenden Heck und habe mit Bohrmaschine und Nietzange Zurrösen für die Rettungsinsel montiert. In Ijmuiden ging plötzlich die gesamte Beleuchtung am Mast nicht mehr. Problem war eingedrungenes Wasser in die neue Harting Kupplung. Die habe ich trockengelegt und mit Kontaktspray gespült und schon ging's wieder - erstmal. Wenn man mich nach drei Jahren als Bootseigner fragen würde, welches das wichtigste Gewerk ist mit dem man sich auskennen sollte, würde ich antworten Improvisation. Mechanik, Elektrik und Co sind essentiell, aber ohne Fantasie mit bescheidenen Bordmitteln Reparaturen durchführen zu können geht's nicht. Und manchmal hilft auch einfach nur Fortuna. Als wir Willemstad verlassen wollten, war plötzlich die Motorelektrik tot. Ich überprüfte erst alle Kontakte um schlussendlich herauszufinden, dass zwar Strom am Steuerpanel ankommt, dort aber trotzdem nichts funktioniert. In die Elektronik war Wasser reingelaufen und hatte alles lahmgelegt. Rost hatte sich schon auf die Platine gelegt. Jetzt hätte ich versuchen können die Steuerung zu trocknen und vom Rost zu befreien oder ich hätte notfalls den Motor starten können, indem ich die entsprechenden Kontakte überbrücke. Das eine wäre eventuell erfolglos geblieben, das andere langfristig nicht besonders praktikabel. Glücklicherweise war mein Vertrauen in das Steuerpanel nie sehr hoch gewesen und mein Vater hatte uns im Vorfeld ein neues gebaut und als Ersatzteil mitgegeben. In zwei Stunden war das neue drin und funktionierte.
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| Das alte Panel will nicht mehr... |
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| also weg damit |
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| und her mit dem Neuen |
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| Mit Schablone die Bohrlöcher markiert |
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| Den Rahmen vorbereitet |
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| Die rostigen Stellen mit Zink behandelt |
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| Das Neue Panel ist montiert |
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| und funktioniert |
Das Gemeine ist einfach, dass selbst ein so kleines Boot wie Pegasus aus unzähligen Systemen besteht und damit unendlich viele unvorhersehbare Probleme auftreten können. Man wird erfahrener, aber man wird nie auf alle Probleme vorbereitet sein können. Über die Weltmeere zu segeln bedeutet eben immer auch sich über die Weltmeere zu reparieren.
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