Wiedersehen in Audierne
Wir hatten es uns fast gedacht. Als wir am Abend des 27. April die Mooringboje in der Reede von Saint-Evette belegen und den Motor abstellen, liegt die Orca keine fünfzig Meter entfernt. Weißer Rumpf, schwarzes Rigg. Vollbepackt, ein Dinghy hängt achtern am Heck, unverkennbar ein Langfahrtensegler: David.
Die Orca ist ein Boot das aussieht als hätte es bereits drei Leben hinter sich. David hat sie irgendwo für tausend Euro aufgegabelt, halbwegs in Stand gesetzt und ist einfach losgefahren. Alles weitere wird unterwegs erledigt. So ist David. Ich winke ihn zu uns rüber. Er kommt rübergepaddelt: Braun gebrannt wie ein Fischer, die blonde Dreadlock-Mähne halb salzverkrustet, Sonnenbrille, und eine Kippe im Mundwinkel. Neben ihm wirken wir wie sorgfältig geplante Erwachsene. Die Freude ist groß, die Gespräche überschlagen sich beinahe vor Wiedersehensfreude.
![]() |
| Mit dem Dinghi auf nach Audierne |
Im August letzten Jahres lagen die Orca und Johannes' Vlieter in Büdelsdorf am NOK, für sie ein kurzer Zwischenstopp, während wir noch bis zu den Ellenbogen in Pegasus' Eingeweiden steckten. Wir hatten ihnen damals zugeschaut wie man jemandem zuschaut der den Zug besteigt, den man selbst verpasst hat. Und jetzt – jetzt sind wir da. Alle drei Boote, alle drei Crews. Die Vlieter liegt im Hafen, Johannes hat seine Koopmanns halb auseinandergenommen und setzt sie gerade wieder zusammen. Er ist der Techniker der Truppe, der Mann der bei Problemen nicht flucht sondern bastelt, und zwar ausführlich und mit Hingabe, am liebsten mit einem Glas Weißwein in der Hand, während der 3D-Drucker unter Deck unablässig Ersatzteile ausspuckt.
Tausend Seemeilen liegen hinter uns. Das ist keine epische Zahl gemessen an dem was noch kommt – aber es ist unsere Zahl, erkämpft durch einen endlos langen Winter, eine Granitküste die jeden Meter verteidigt hat und Nächte in denen man sich ernsthaft fragt warum man das eigentlich tut. Jetzt wissen wir es wieder.
Die ersten Abende verbringen wir abwechselnd auf den Booten. Jeder hat seine Geschichten, seine Stürme, seine Pannen, seine Momente in denen es knapp wurde. Man kennt dieselbe Küste, hat dieselben Kaps gerundet und dieselben Strömungen verflucht – und doch war es jedes Mal eine völlig andere Reise. Das ist das Schöne und das leicht Verrückte am Segeln. Dieselbe See, drei verschiedene Wirklichkeiten.
![]() |
| Wieder vereint! |
Davor allerdings noch ein kleines Abenteuer am helllichten Tag: Jenny und ich unternehmen einen Ausflug mit dem Dinghy in die Stadt. Ein bisschen Auskundschaften und Johannes besuchen. Einer jener entspannten Unternehmungen die plötzlich eine andere Wendung nehmen. Der Außenborder gibt auf halber Strecke den Geist auf, und das ausgerechnet in dem Moment als wir den Leuchtturm und damit die schmale Zufahrt erreichen. Das wäre ja alles halb so wild, doch direkt hinter uns kommen zwei Fischerboote mit beachtlicher Bugwelle angerauscht. Unsere Panne interessiert sie wenig, groß ausweichen ist für sie hier gar nicht möglich. Jetzt wirds eng. Wir müssen uns schnell auf die Seite retten. Jenny schreit "Ruder!" und ich rudere so schnell ich nur kann. Ruder um unser Leben oder zumindest um unsere Würde. Die Bugwelle des ersten Fischers wirbelt uns in Richtung Kaimauer, wenigstens der zweite macht langsam für uns. Die Fischer betrachten uns mit einer Mischung aus Genervtheit und Belustigung. Wir überleben, kommen nochmal ungeschoren davon und schon am Nachmittag können wir die Geschichte erzählen und darüber lachen.
Nach zwei Nächten in der Bucht frischt der Wind auf. Die Reede von Saint-Evette wird unwirtlich und wir verholen in den Hafen. Plötzlich liegen alle drei Boote nebeneinander am selben Steg. Das war nicht geplant. Der Wind hat uns einfach zusammengeweht. Und als wollte der Hafen diesen Moment noch unterstreichen, kommt an diesem Nachmittag ein Delfin. Einfach so. Er gleitet lautlos neben der Orca entlang, als würde er die Besatzung begutachten, dann weiter zu Pegasus. Wir stehen an Deck und trauen unseren Augen kaum. Keine fünf Meter vom Steg entfernt, mitten im Hafen. Manche Dinge lassen sich nicht planen. Es folgt das Grand-Finale: Grillen am Steg, alle zusammen, und irgendwann tauchen auch John und Françoise auf.
John ist Anfang siebzig und segelt seit immer. Er hat die halbe Welt gesehen und trägt dieses Wissen mit der Leichtigkeit eines Mannes der nichts mehr beweisen muss. Kennengelernt haben wir ihn eigentlich ein paar Tage früher. Er stand eines Morgens plötzlich am Steg, neugierig und breit grinsend, während wir gerade Kaffee auf Pegasus tranken. Wir haben ihn eingeladen, ihm einen Kaffee eingeschenkt, und dann hat er losgelegt. Er hat die Seekarte aufgeschlagen und uns von Audierne bis A Coruña die schönsten Ankerbuchten gezeigt, eine nach der anderen, mit Geschichten zu jeder einzelnen. Das Baskenland, sagt er, war die schönste Segelreise seines Lebens. Traumhafte Buchten, gastfreundliche Menschen, eine der naturbelassensten und touristisch unberührtesten Ecken Europas. Seine Augen leuchten dabei wie die eines Mannes der gerade dort ist, nicht hier.
Wir hatten das Baskenland schon einmal auf dem Zettel gehabt und wieder verworfen – zu viel Westwind, sagten die meisten, der Weg nach westen von dort lang und mühsam. John hört sich das an, lächelt und sagt nichts. Er muss nichts sagen. Die Seekarte liegt offen auf dem Tisch. Und wir hören zu, denn wenn wir auch nicht viel haben, Zeit haben wir.
![]() |
| letzter Tag in Audierne |





Kommentare
Kommentar veröffentlichen