PJ/17 "Les Glénans"
Der beste Moment um Audierne zu verlassen ist wenn das Wasser ablaufen will – dann trägt es einen einfach mit. Die Orca macht den Anfang, löst sich als erste vom Steg und gleitet lautlos in den grauen Morgen hinaus. Pegasus folgt. Die Vlieter braucht noch einen Moment – Johannes ist eben gründlich.
Kaum sind wir auf offenem Wasser, öffnet der Himmel seine Schleusen. Ein heftiger Wolkenbruch, warm und schwer, peitscht auf Deck und trommelt auf die Segel. Wir ducken uns so tief in unser Ölzeug wie möglich. Es dauert nicht lange. Der Regen hört so plötzlich auf wie er angefangen hat – ein kurzer, übermütiger Willkommensgruß des Atlantiks. Richtung Land hängen noch weitere Wolken, tintenblau und schwer wie nasse Wolle. Und irgendwo darin, gerade noch rechtzeitig vor dem Niedrigwasser, kämpft sich die Vlieter aus dem Hafen. Johannes hat es geschafft.
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| Den Blick an den Horizont geheftet |
Wir setzen sämtliches Tuch. Die Segel füllen sich träge im leichten Wind und Pegasus legt sich sanft in Fahrt. Unser Ziel ist die Île de Penfret, die östlichste Insel im Archipel der Glénans, gute vierzig Meilen entfernt. Kein kleiner Schlag. Aber heute beherrschen uns keine Gezeitenströmungen, kein enger Zeitplan, kein Kap das bezwungen werden muss. Wir machen kaum vier Knoten – und das ist uns vollkommen egal. Die Sonne bricht durch die Wolken und legt sich auf eine ruhige, opalblaue See, die kaum zu atmen scheint, so still liegt sie. Das Licht flimmert. Die Luft riecht nach Salz und nach dem Versprechen eines guten Tages.
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| Frischer gehts nicht |
Es dauert nicht lange und das Funkgerät kracht. Davids Stimme, irgendwo zwischen Triumphgeheul und schallendem Lachen: erste Makrele an Bord der Orca. Kurz darauf zieht auch unsere Langleine an. Zum ersten Mal seit dem Aufbruch haben wir Anglerglück – zwei atlantische Makrelen und eine Stachelmakrele kommen an Bord, silbern und frisch zuckend in der Mittagssonne. Das Abendessen ist gesichert. Wir segeln weiter, vorbei am mächtigen Leuchtturm Eckmühl, der wie ein steinerner Wächter über die Pointe de Penmarc'h ragt, und bald tauchen sie auf – die Glénans. Flach, grün, unwirklich schön, wie hingestreut aufs Wasser.
Um kurz nach 1700h fällt der Anker auf der Ostseite der Île de Penfret. Das Kettenrasseln, das Einsinken des Pfluges in den hellen Sand – kein Geräusch klingt in diesem Moment befriedigender. Orca und Vlieter treffen kurz nach uns ein und die Anker fallen einer nach dem anderen. Die Sonne steht noch hoch genug um zu wärmen. Wir packen alles was man für einen perfekten Abend braucht in die Beiboote und rudern an den Strand. Der Sand ist fein und hell, das Wasser so klar dass man den Grund sieht als wäre da gar kein Wasser. Zu Sonnenuntergang qualmt der Grill. Frisch gefangener Fisch, knuspriger auf der Außenseite als man es sich wünschen kann, innen zart und saftig. Dazu alles was man sich vorstellen mag. Wir leben wie Gott in Frankreich – und das ist keine Metapher, das ist der schlichte und unverblümte Tatbestand.
Als wir zu Mitternacht im Dunkeln zu unseren Booten zurückrudern, hat der Atlantik noch eine letzte Überraschung bereit. Das Meeresleuchten. Mit jedem Paddelschlag explodiert das Wasser in weißlich-grünem Licht, als würde man in flüssige Glut schlagen. Unsere Boote ziehen glühende Spuren durchs Schwarze. Unter der Wasseroberfläche wird plötzlich ein Schwarm kleiner Fische sichtbar – jeder einzelne ein winziges Glühen, zusammen ein Schwarm Geister in der Tiefe. Wir halten inne, legen die Paddel ins Boot und starren ins Wasser. Niemand sagt etwas. Manche Momente sind zu groß für Worte.
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| Die Baie de la Fôret |
Am nächsten Morgen gehen wir um 1030h Anker auf und nehmen Kurs auf die zehn Meilen entfernte Baie de la Forêt. Die Segel sind längst eingeholt, die Maschine übernimmt die letzten drei Meilen – da tauchen sie auf. Eine Familie gemeiner Delfine, die Seiten in ihrem charakteristischen Sanduhrmuster leuchtend gelb gezeichnet, schießen aus dem Nichts heran und werfen sich in Pegasus' Bug. Jenny steht vorne auf dem Vorschiff und strahlt. Die Delfine spielen, wechseln von Bug zu Heck und wieder zurück, überholen uns, lassen sich zurückfallen, als hätten sie nichts Besseres zu tun auf dieser Welt. Eine Viertelstunde lang gehören sie zu unserer Crew. Dann sind sie weg, so plötzlich wie sie gekommen sind, und hinterlassen nur das leise Blubbern der Maschine und zwei Menschen die sich grinsend anschauen. Die Bucht empfängt uns mit einer Stille die man fast anfassen kann – das Wasser liegt glatt wie ein Binnensee, kein Kielwasser, kein Laut. Wir verbringen den ganzen Tag an Bord, ohne Eile, ohne Plan. Pegasus schaukelt kaum. Die Sonne kommt und geht. Wir lesen, dösen, kochen, schauen aufs Wasser. Es gibt Tage auf See die nichts verlangen und alles geben.
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| Concarneau |
Am Dienstag zieht eine Regenfront auf und wir verholen in den Hafen von Concarneau. Regen kennen wir – den nutzen wir. Stadt erkunden, Vorräte auffüllen, Wasser bunkern. Und natürlich trudeln auch David und Johannes nacheinander ein. Unsere kleine Flottille ist wieder vereint, diesmal unter bretonischem Hafendach. Es riecht nach nassem Stein und Kaffee und nach dem nächsten Aufbruch, der irgendwo schon wartet.




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