PJ/14 "Le Trieux"




 18. April. Noch etwas Zeit bis zum Mittag.

Bis die Tide kippt, verprassen wir unsere letzten Guernseypfund in dem einzigen Café am Hafen, das geöffnet hat. Ein kräftiges Frühstück. Der Kellner hat heute seinen Glückstag – ich drücke ihm alle Pfund in die Hand, die ich noch bei mir habe, was ein ordentliches Trinkgeld ergibt. Er nimmt es, ohne zu zucken.

Pegasus liegt seit dem Vorabend seeklar am Steg. Bei strahlendem Sonnenschein laufen wir aus, setzen sämtliche Segel und nehmen Kurs auf die Mündung des Trieux. Im Little Russel flitzen kleine Jollen wild um uns herum, der pure Segelspaß, unbeschwert und leicht. Für einen kurzen Moment kommt mir die Zeit in den Sinn, in der wir selbst auf solchen Booten das Segeln gelernt haben, und ich merke, wie sich ein verträumtes Grinsen in mein Gesicht malt. Aber die Gezeitenströmung lässt keine Zeit für Muße. Es dauert nicht lange und Guernsey liegt hinter uns. Ich nehme die Guernseyfahne aus der Saling und setze die Französische – und darunter die Bretonische.

Wir halsen vor dem Wind, über sechs Knoten. Das ist ordentlich Arbeit. Vor jedem Manöver auf Deck: Bullentalje lösen, zurück in die Plicht, Genua rüber, Großschot dichthalten, kontrolliert auf die andere Seite fieren, Bullentalje wieder setzen. Jenny hat trotz der beachtlichen Wellen eine ruhige Hand am Ruder und so gelingen uns die Manöver wie im Lehrbuch.

Zum ersten Mal kommen wir ins Schwitzen. Zum ersten mal nicht aus Furcht – sondern wegen der brennenden Sonne. Himmel und See wirken wie ausgebleicht, noch blass vielleicht vom langen Winter. Wir verstecken uns im Schatten des Dodgers oder stehen völlig vermummt am Ruder. Luxusprobleme. Auch das anstrengende Rollen bei Raumschotkurs kann uns die Freude nicht nehmen.

Um 1545h passieren wir das Plateau des Roches Douvres. Ein vor der Küste vorgelagerter Haufen Steine mit einem Leuchtturm obendrauf, mitten im Nirgendwo. Wir liegen genau im Zeitplan. Noch zwei Stunden entspanntes Segeln, dann der Fluss.

Was uns an der Mündung des Trieux erwartet, haben wir nicht eingeplant.

Kaum erreichen wir das Einzugsgebiet, erfasst uns ein Querstrom von fünf Knoten. Bevor wir es merken, sind wir schon fast darüber hinaus. Wir halten immer weiter vor, kämpfen uns in die Mündung – Pegasus segelt fast im rechten Winkel zu ihrem Kurs und driftet. Und driftet. Direkt in die schlimmste Hexenküche, die ich seit Langem gesehen habe.

Die See kocht. Anderthalb Meter hohe, schäumende Wellen von allen Seiten. Ein völlig chaotisches Wellenbild, das zerrt und schiebt und schubst, bis wir nur noch zweieinhalb Knoten machen. Wir nehmen die Maschine zu Hilfe und bleiben stur. Wir beide sagen nichts, aber ich weiß, was Jenny denkt, und sie weiß, was ich denke: Es kann nicht ewig so weitergehen.

Und tatsächlich: nach einer guten halben Meile beruhigt sich die See. Nur dieser eine Bereich vor der Mündung, wo unterschiedliche Strömungen und Wind aufeinanderprallen, wirft diese Kabbelsee ohne Vergleich auf. Wären wir hier zwei Stunden später aufgeschlagen, wären wir vielleicht ungeschoren davongekommen. Aber jeder Plan ist auch ein Kompromiss. Wer den Trieux nicht bei Dunkelheit hinauffahren will, zahlt eben dieses Eintrittsgeld.

Die Strömung ist immer noch gigantisch. An den Ufern stehen jene kleinen Türmchen, die man in der Bretagne überall sieht und die das Fahrwasser markieren – jeder mit einer dreißig Meter langen Schleppe in Lee, ein sprudelndes, eindrucksvolles Zeugnis der Wassermassen, die sich hier flussaufwärts schieben. Pegasus macht bei kleiner Drehzahl acht Knoten. Eigentlich viel zu schnell. Aber wenn ich noch mehr Gas wegnehme, verlieren wir die Manövrierfähigkeit und treiben wie ein Stück Holz dem Hafen entgegen. Der Trieux ist von steinigen Ufern und Untiefen gesäumt. Da behält man lieber die volle Kontrolle.

Als der Hafen von Lezardrieux am Steuerbordufer in Sicht kommt, kommen mir ernste Zweifel: Der ursprüngliche Plan funktioniert nicht. Mit sechs Knoten auf den Steg zuzuschießen und mit der Steuerbordseite festzumachen – wir würden gar nicht so schnell auf Rückwärtsfahrt umschalten können, wie uns die Strömung daran vorbeischiebt. Im letzten Moment wechsle ich auf Plan B.

Ich hole mit Pegasus im großen Bogen aus und versuche, uns direkt in die Strömung zu stellen. Ein kniffliges Manöver, eher spontan als geplant. Mitten im Fluss lauern Mooringbojen, von der Strömung so tief unter Wasser gedrückt, dass sie kaum zu sehen sind. Wir entkommen diesen Fallen. Es gelingt mir, Pegasus mit dem Bug gegen den Strom zu halten. Die Maschine läuft mit halber Kraft voraus – und wir stehen auf der Stelle. Anderthalb Schiffslängen vom Steg entfernt.

Jenny bereitet Fender und Leinen vor. Ich lasse den Bug leicht nach Backbord fallen. Fuß um Fuß schiebt sich das Boot parallel zum Steg. Ein falscher Handgriff und wir krachen mit dem Bug in den Steg oder werden von der Strömung herumgerissen. Ein Stückchen Backbord, dann wieder geradehalten, ein Stückchen Backbord, dann wieder Mitte. Wir kommen nah genug heran. Jenny springt rüber. Die Vorleine. Das Wichtigste heute – denn mit dem Bug in der Strömung und der Vorleine fest kann Pegasus nicht mehr abhauen.

Wir stecken die restlichen Leinen, setzen die Springs, stoppen den Motor.

Stille.

Es war gute Teamarbeit. Und wir haben uns den Anleger heute redlich verdient.

Kommentare