Un pied à terre
Den Trieux hinaufzukommen war keine kleine Sache gewesen. Aber wir hatten ein Ziel. Noch ein Stück weiter flussaufwärts, einen Kilometer von Pontrieux entfernt, warteten alte Freunde. Hier haben Elke und Jogi vor ein paar Jahren einen alten Hof erstanden und ihn seit dem in ein richtiges Zuhause verwandelt. Wir kennen uns vom Segeln – haben vor Jahren zusammen die bretonische Küste abgeklappert, nasse Wachen geteilt, schlechtes Wetter ausgesessen, guten Whiskey geteilt. Jetzt haben sie sich hier niedergelassen.
Das Erste, was sie anbieten, ist Hilfe. Kein großes Aufheben, keine Fragen – einfach: wir können eure Wäsche mitnehmen, und Diesel holen wir gleich mit. So sind Segler. Man weiß, was das andere braucht, weil man selbst dort war.
Der Hof ist schön. Alt, L-förmig, aus dem ewigen Granitstein der Bretagne gebaut, mit viel Grund und Nebengebäuden in denen die Schwalben ein und aus fliegen, drumherum. Ein Gemüsegarten, der bereits zeigt, was er im Sommer sein wird. Und überall die Hündin Maja, die das alles für ihr rechtmäßiges Territorium hält. Es riecht nach Erde und Holz und nach einem Leben, das langsam gewachsen ist und weiter gedeihen wird.
Die Idee dahinter hat etwas Utopisches und gleichzeitig sehr Vernünftiges: eine große WG, in der man alt werden kann, ohne allein zu sein. Elke und Jogi haben sich bewusst Platz gelassen – für junge Leute, die ein günstiges Zimmer suchen, für Leben das kommt und geht, für Gesellschaft die sich nicht ankündigt. Als wir in der schönen alten Küche kochen, ist auch ein Mitbewohner da. Man rückt zusammen am großen Tisch, isst gemeinsam, redet. Es hat etwas von dem, was auf einem Boot auch funktioniert: die Enge erzwingt Nähe, und aus Nähe wird manchmal mehr.
Wir wollten eigentlich nur einen Kaffee trinken und kurz den Hof besichtigen.
Aber dann kam eines zum anderen, wie es immer kommt wenn Segler zusammensitzen, und irgendwann war klar: wir bleiben die Nacht. Die Entscheidung fiel ohne große Worte, fast von selbst.
Am Abend sitzen wir am Kamin. Das Feuer knistert. Die Geschichten auch. Von Häfen, die man nicht vergisst. Von Stürmen, die man besser vergessen würde. Von Ankerplätzen, die man irgendwann wieder aufsuchen will, und von Orten, die man noch nicht kennt aber schon vermisst. Wie damals fühlen wir uns direkt wohl und willkommen bei den Beiden. Man trifft nicht oft Menschen mit denen man ohne viel Aufhebens sofort auf einer Welle segelt. Die Bretagne draußen schläft unter einem schwarzen Himmel und wir sitzen drinnen und erzählen uns die Welt zusammen.
Ich schaue mich um. Die dicken Mauern, das warme Licht, der Hund der schläft als hätte er nie etwas anderes gekannt. Es wäre gelogen zu sagen, dass ich nichts spüre. Natürlich spüre ich etwas. Auch Jenny und ich haben diesen vagen, hartnäckigen Traum – irgendwann, irgendwo, ein kleines Stück Land. Ein pied-à-terre. Ein Haus mit Charakter, Freiheit drumherum, ein Ort der wartet wenn man nicht mehr oder noch nicht wieder auf dem Wasser sein will.
Aber dann redet Jogi von den Azoren. Und Elke von der schottischen Küste. Und der Traum vom festen Ort rückt wieder ein Stück in die Ferne, wohin er im Moment wohl auch gehört. Denn was dieser Abend vor allem tut: er befeuert nicht die Sehnsucht nach einem Zuhause. Er befeuert die Reiselust. Die Geschichten am Kamin sind kein Ruhepunkt – sie sind Zündstoff.
Lezardrieux kannten wir schon. Waren schon einmal hier, vor Jahren, auf einer anderen Reise mit an Bord der Tordas – aber ich glaube wir waren damals noch andere. Die Bäckerei jedenfalls ist noch dieselbe. Und sie ist, da sind wir uns einig, die beste in Frankreich. Das ist keine kleine Behauptung in diesem Land, aber wir stehen dazu.
Am letzten Abend vor der Weiterreise setzen wir uns vor die Dorfkneipe. Die Sonne steht noch hoch genug um zu wärmen. Wir trinken ein kühles Bier und diskutieren angeregt. Es ist diese besondere Elektrizität, die sich einstellt wenn man weiß, dass morgen etwas beginnt auf das man lange gewartet hat. Der Atlantik ist nicht mehr weit. Die Inseln warten. Die schöne Zeit – sie fängt jetzt an.
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| Herzliche Grüße nach Pontrieux, bleibt so einmalig wie ihr seid und bis bald! |



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