PJ/15 "Côte de Granite Rose"
Als wir am Freitag, dem 24. April um 1130h in Lézardrieux die Leinen loswerfen, haben wir große Pläne. Es herrscht Nippzeit, der Tidenhub und dadurch auch die Strömungen sind geringer als sonst. Als wir vor knapp einer Woche hier festmachten, betrug der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser zehn Meter. Jetzt sind es nur noch fünf. Für uns die Gelegenheit, Meilen zu machen. Bis nach Camaret-sur-Mer wäre ambitioniert, aber in circa 30 Stunden erreichbar. Ostwind ist angesagt, mit fünf Windstärken und eventuell sogar mehr. Der Atlantik ist zum Greifen nah, aber es wird uns Kraft kosten, diese nächste Etappe zu bestehen.
Wir lassen Pegasus bei halber Fahrt voraus unter Maschine den Trieux hinunterlaufen. Unter einem blitzblauen Himmel schlängeln wir uns entlang der felsigen Uferböschung. Das gute Wetter hat überall Segler und Wassersportler gelockt und so herrscht ein buntes Treiben auf dem kleinen Fluss. Ausflugsboote, Fischer, Segelschüler auf wendigen Jollen. Es fühlt sich nach Sommer an und wir sind guter Laune, gespannt auf einen vielversprechenden Segeltag. Die Mündung des Trieux wird ein weiteres Mal zur Anstrengung. Hoch am Wind arbeiten wir uns gegen die noch leicht flussaufwärts setzende Strömung und durch ein konfuses Wellenbild. Aber es ist kein Vergleich zur Einfahrt vor einer Woche. Gegen 1400h gibt uns der Fluss frei und wir können auf Nordwestkurs abfallen. Wind und Strom treiben uns nun voran. Mit dem Großsegel im zweiten Reff und der Genua kommen wir zügig voran. Der Wind ist stärker als angesagt, eher sechs als fünf Beaufort. Die Wellen wachsen hier draußen vor der Küste schnell zu beachtlicher Größe heran. Mächtig und königsblau rollen sie von achtern heran und unter Pegasus hindurch. Wir müssen unentwegt das Boot auf Kurs halten, während uns die Wellen ständig herausschieben wollen. Bleibt der Wind so stark, steht uns eine anstrengende Nacht bevor. Zweieinhalb Stunden segeln wir mit Siebenmeilenstiefeln Richtung Westen. Vorbei am Leuchtturm „Les Héaux-de-Bréhat" und der Mündung des „Le Jaudy". Die See verlangt uns einiges ab, aber das Wetter bleibt unverändert sommerlich. Gegen 1600h schaue ich auf den aktualisierten Wetterbericht und der ist leider ebenso frustrierend wie deutlich. In den nächsten drei Stunden soll der Wind fast auf Flautenstärke zusammenfallen. Wir könnten unter Maschine weiterlaufen, aber mit der Strömung gegenan wird das massiv Diesel und Nerven kosten, denn der nächstgelegene größere Hafen, Roscoff, ist nicht mehr innerhalb dieser Gezeit zu erreichen. Wir erinnern uns an einen Ratschlag von Elke und Jogi, den wir nur zu gerne ignoriert hätten: „Ankert die Gegentide aus, das spart Kräfte und ist effektiver als gegen den Strom zu fahren!" Die Entscheidung muss schnell getroffen werden, denn der einzige gut erreichbare Hafen ist Port Blanc, neun Meilen direkt an Backbord. Wie immer beim Segeln: wenn der Gedanke aufkommt, etwas sicherer zu machen und Druck herauszunehmen, dann sollte man diesem Gedanken auch folgen. Er ist niemals falsch. Bevor wir uns die Zähne an dieser Granitküste ausbeißen, drehen wir zähneknirschend nach Süden ab, Kurs auf Port Blanc.
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| Port Blanc |
Der Hafen ist wunderschön. Bis kurz vor der Einfahrt hat man den Eindruck, direkt gegen eine Felswand zu fahren. Dann öffnet sich ein Tor zu unserer Linken und wir fahren in einen großzügigen, hufeisenförmigen Naturhafen ein. An einer Gastmooring machen wir fest. Es ist ruhig hier, kaum Welle, Pegasus legt sich in den Wind und schaukelt ungeduldig auf und ab. Für eine Weile bin ich frustriert – der Ärmelkanal will uns einfach nicht loslassen, wieder lässt er uns jede Meile erkämpfen. Die Entfernung zum Atlantik fühlt sich auf einmal wieder größer an. Doch am Ende des Tages ist alles eine Frage der Perspektive. Die Sonne verglüht in Richtung Sehnsucht und gibt einen glasklaren Sternenhimmel frei. Selten zuvor sah ich die Sterne so hell und farbig strahlen wie in dieser Nacht. Staunend sitzen wir in der Plicht, starren gebannt in den Himmel und essen süße Erdbeeren, die ich vor unserer Abfahrt noch auf dem Markt ergattern konnte. Es könnte schlimmer sein – aber kaum schöner.
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| Les sept Îles in der Ferne |
Wir haben unsere Lektion gelernt. Als wir am nächsten Tag, Samstag dem 25.4., den Bojenhaken lösen und langsam auf See hinaus tuckern, haben wir uns nicht mehr vorgenommen als die 30 Meilen bis Roscoff. Seit den frühen Morgenstunden herrscht beinahe Flaute. Zwei Windstärken können unsere neun Tonnen schwere Pegasus kaum zum Laufen animieren. Der Diesel läuft den ganzen Tag. Am frühen Nachmittag passieren wir die Sept Îles, beobachten Delfine und Seevögel aller Art in der Ferne und liegen faul in der Sonne. Wieder einmal werfe ich erfolglos die Angel aus – aber so vergeht die Zeit. Um halb sechs passieren wir die Untiefen „Plateau de la Méloine". Die See ist ruhig und entspannt, und wir sind es auch. Die Aufregung der Hafeneinfahrt und des Anlegemanövers reißt uns für einen Moment aus unserem trägen Zustand – aber wirklich nur für einen Moment. Bald liegen wir in der Koje, denn mit der nächsten Ebbe am frühen Morgen wollen wir uns weiter Richtung Westen tragen lassen.
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| Im neuen Hafen von Roscoff |






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