PJ/16 "Atlantik"



Sehnsuchtsziel: Atlantik
Der Wecker klingelt uns um 0200h an diesem Sonntag, dem 26. April, aus einem unruhigen und kurzen Schlaf. Ein ominöses Ticken hatte uns kaum einschlafen lassen – die Quelle war einfach nicht auszumachen. Jenny schafft es als erste, sich aus der klammen Koje zu lösen. Bevor ich mich noch einmal umdrehen kann, ruft sie mich zum Niedergang. Ich schaue raus und sehe nichts. Obwohl dort eigentlich die Hafeneinfahrt sein sollte. Dichter Nebel lässt die nur hundert Meter entfernte Durchfahrt verschwinden. Nur das rote Backbord- und das grüne Steuerbordfeuer strahlen gespenstisch aus dem weißen Äther. Nacht und Nebel sind zuviel des Guten. Mit moderner Navigationstechnik ist es möglich, ein Boot auch blind zu navigieren. Aber wozu ein solches Risiko eingehen? Niemand, der nicht dazu gezwungen wird, sollte bei solchen Bedingungen auslaufen. Also tun wir es auch nicht. Gegen solche Unwägbarkeiten muss man sich schnell abschotten, sonst gewinnt der Frust die Oberhand. Und hey – die nächste Tide kommt in zwölf Stunden, und das bedeutet auch nochmal eine Runde schlafen.

Der Nebel löst sich auf
Gegen elf Uhr hat sich der Nebel fast völlig aufgelöst. Am Steg gegenüber steht ein älterer Segler. Ich erhoffe mir ein paar Tipps zur Abkürzung südlich der Île de Batz. Nach den ersten Sätzen stellt sich heraus, dass er Deutscher ist, seit Jahren hier segelt und die Küste wie seine Westentasche kennt. Er kann unsere Bedenken zerstreuen.

Durch den Chenal de Île de Baz
Wir laufen um 1430h aus, auf den Chenal de l'Île de Batz zu. Ein schmaler Streifen Fahrwasser, der die vorgelagerte Insel vom Festland trennt. Nur bei genug Wasser kann dieser Kanal von einem Boot wie unserem durchfahren werden. In der Karte stehen Tiefenangaben von teilweise nur zehn Zentimetern. Aber die Abkürzung ist zu verlockend und die Tide steht fast bei sieben Metern über Kartenniveau. Wo laut Karte ein halber Meter Wassertiefe ist, sollten es jetzt also siebeneinhalb Meter sein. Dennoch bleibt der Gedanke hängen, man könnte sich ja verrechnet haben. Spannend bleibt es trotzdem. Selbst bei genug Wasser muss man im Slalom einem praktisch unsichtbaren Fahrwasser folgen, wenn man nicht auf Granit stoßen möchte. Die Fahrt dauert dreißig Minuten und gelingt ohne Zwischenfälle.

Die "Côte des Légendes"
Sobald wieder freier Seeraum um uns ist, ziehen wir die Segel hoch. Drei bis vier Windstärken aus Nord bis Nordost – ein optimaler Wind, um uns zusammen mit der Gezeitenströmung die Côte des Légendes hinuntertragen zu lassen. Doch der Wind ist schwächer als angesagt und die Maschine läuft wieder einmal zur Unterstützung mit. Um 1700h hat er auf zwei Windstärken abgeflaut und wir bergen die Segel. Mit vier bis fünf Knoten rücken wir Richtung Kap vor, passieren die Kardinaltonnen „Aman ar Ross" und „Lizen Ven Ouest". Je weiter wir nach Westen kommen, desto dunkler und schwerer wirkt die See. Als wollte sie warnen vor dem, was vor uns liegt.

Die letzte Prüfung vor dem Atlantik wartet. Der gefürchtete Chenal du Four – die Meerenge zwischen der Île d'Ouessant und dem Festland. Wie bei allen Passagen um Kaps und zwischen Inseln hindurch kann sich hier bei Wind-gegen-Strom eine unberechenbar wilde See aufbauen. Der Wind ist heute nicht das Problem, aber wir brauchen die Strömung auf unserer Seite. Wir sind zu früh, viel zu früh. Also erzwingen wir gar nichts. Stattdessen fahren wir in den Aber-Wrac'h ein und legen uns an eine Mooringboje. Hier ist der perfekte Punkt um den richtigen Moment abzuwarten. Zweieinhalb Stunden warten wir, trinken Tee, essen Thunfischsandwiches und quatschen mit Freunden, die hier auf ihr Wetterfenster für die Biskayaüberquerung warten. Dann springt der Diesel an und wir lösen den Bojenhaken.

Zwischenstopp in L'Aber-Wrac'h
Zu Mitternacht sind wir wieder draußen auf See. Die Revierführer empfehlen, drei Stunden vor Hochwasser den Aber-Wrac'h zu verlassen, um bei Stillwasser am Leuchtturm „Le Four" zu sein. Von da an ist die Passage bei gutem Wind ein Kinderspiel. Doch diese ersten drei Stunden sind die eigentliche Prüfung. Kaum Wind, die Maschine macht die Arbeit. Pegasus rollt unablässig, die Wellen kommen von allen Seiten. Der Strom will nicht nachlassen und schon gar nicht kippen. Wir schaukeln und taumeln dem Leuchtturm entgegen. Es ist zermürbend und wir können nichts tun außer durchhalten.

Erst um viertel nach vier dreht sich die Strömung merklich und das Boot läuft ruhiger. Doch jetzt beginnt der navigatorisch komplizierteste Teil des Chenal du Four. Die Nacht um uns ist kein leeres Schwarz mehr – sie blinkt und blitzt von allen Seiten. Mehrere Richt- und Sektorenfeuer markieren die Durchfahrt, jedes mit seiner eigenen Sprache aus Blitzen und Pausen. Die Leuchttürme St. Mathieu und Kermorvan geben die Richtung für die Anfahrt vor. Dann taucht backbord achteraus das Feuer von Corsen auf und zeigt den ersten Kurswechsel an. Ein Stück weiter durchs Dunkel, bevor St. Mathieu erneut den Weg zum Ausgang weist. Jenny am Ruder, ich mit Glas, Karte und Kompass. Wir sprechen kaum. Jedes Licht muss identifiziert, jeder Kurs bestätigt werden. Ein Fehler hier, in diesem Labyrinth aus Felsen und Strömung, wäre einer zuviel.

Dann beginnt der Nebel. Zunächst nur über Land, zarte Schwaden an den vorgelagerten Inseln. Die Leuchttürme senden ihre Lichtkegel als breite Strahlenbündel durch die feuchte Luft – die ganze Gegend wirkt wie eine überdimensionierte Lichtshow über dem Wasser, schön und unheimlich zugleich. Ich beobachte den Nebel mit einem wachsamen Auge. Sollte er sich verdichten und auf uns zuziehen, würden uns die Lichter der Leuchttürme nichts mehr nützen. Wir wären blind in einem der gefährlichsten Seegebiete Europas. Der Gedanke bleibt still im Hinterkopf, während ich die Karte nicht aus den Augen lasse. Doch der Nebel bleibt wo er ist. Er beobachtet uns, kommt aber nicht näher.

Dann kommt uns noch eine Fähre entgegen. Wir einigen uns über Funk darauf, Grün an Grün zu passieren – quasi Linksverkehr auf See. Und dann ist es vollbracht.

Hinter uns blinkt das rote Leuchtfeuer Vieux Moines. Der Ärmelkanal liegt hinter uns.

Und als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet, geht in diesem Augenblick die Sonne auf. Sie legt uns den Atlantik zu Füßen, ruhig und weit und golden. Pure Erleichterung, pure Erschöpfung und pure Freude greifen gleichzeitig nach uns und mischen sich zu etwas, für das es kein einzelnes Wort gibt. Alles wirkt plötzlich friedlich. Kaum eine Welle rührt sich, keine Strömung – nur scharf umrissene Cumuluswolken am blauen Himmel. Wir lassen Pegasus nach Süden laufen.

Jetzt noch der Raz de Sein – dann haben wir unser Etappenziel erreicht. Doch dort müssen wir erst gegen 1600h sein. Also drehen wir auf halber Strecke bei, lassen Pegasus wie ein Blatt im Wind schaukeln und machen abwechselnd ein Schläfchen, essen, hören Musik, genießen die Sonne. Für ein paar Stunden vergessen wir beinahe, dass noch eine der berüchtigtsten Stromschnellen der Bretagne vor uns liegt.

Der Raz du Sein von seiner sanften Seite
Der Wind hatte am Morgen leicht aufgebrist und uns in falscher Sicherheit gewiegt. Jetzt kommen wir mit kaum drei Knoten voran. Ich ärgere mich über meinen Leichtsinn. Aber es ist noch nichts verloren. Wie in Zeitlupe halsen wir uns bei Nordostwind Richtung Raz de Sein. Und das Glück ist an diesem Tag auf unserer Seite. Der schwache Wind hat die berüchtigten Stromschnellen vollständig gezähmt. Statt wilder Kreuzseen schwebt Pegasus durch beinahe spiegelglattes Wasser. Eine unsichtbare Gewalt erfasst und trägt uns lautlos um das Cap Sizun. Die massiven Leuchttürme „Trévennec", „Île de Sein" und „La Vieille" wirken in dieser Stille heillos überdimensioniert – Wächter über ein Revier, das heute ausnahmsweise schläft.

Kaum haben wir die Baie d'Audierne erreicht, brist es wieder auf vier Beaufort auf. Volle Segel, Strom im Rücken, Kurs auf Audierne. Ein paar Fischerbojen zwingen uns zu Ausweichmanövern, aber nichts kann uns mehr aufhalten. Um 1740h am 27. April machen wir in der kleinen Reede von Saint-Evette vor den Toren Audierens an einer Mooringboje fest.

Atlantik. Biskaya. Die erste große Etappe liegt hinter uns.

Den kennen wir doch!
Und ein paar Schiffslängen vor uns liegt ein Boot, das uns eindeutig bekannt vorkommt...

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