Sommer, Sonne, Pintxos
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| Donostia - San Sebastián |
Wir schauen uns an, ungläubig, und wissen nicht ob wir lachen oder heulen sollen angesichts dessen was hinter uns liegt. Man denkt man ist nicht mehr so leicht zu beeindrucken, und dann kommt das Schicksal um die Ecke und kippt einem eine Ladung Überraschung mitten ins Gesicht. Diesmal waren es brutale Hitze und hinterhältige Böen. Was es beim nächsten Mal sein wird, wissen wir nicht. Das ist ja der Witz an der Sache.
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| Die Sonne geht, die Hitze bleibt |
Jenny sagt sie spüre die Landkrankheit wieder – dieses Schaukeln das bleibt obwohl der Boden längst stillsteht. Wir reden über die letzten Tage, über die Böe, über Antares und den Kalmar und das ewige Warten auf Wind, während die Sonne unbeirrt ihre Bahn zieht und unseren Fetzen Schatten gnadenlos beiseiteschiebt. Zeit weiterzuziehen. Rein in die Altstadt.
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| Abseits des Trubels |
Wir haben in den letzten Tagen kaum geschlafen, und bei dieser Hitze ist an Nachholen nicht zu denken. Die Müdigkeit hat inzwischen etwas Tranceartiges, und so wanken wir durch die Straßen während um uns herum das Leben explodiert – Gassen, Kneipen, Restaurants, vollgestopft mit Menschen, jung und alt, hier geboren oder gerade angekommen, alle in derselben schwülen Abendluft zusammengepresst. Der Strom reißt uns mit und spuckt uns irgendwann wieder aus, direkt vor einer Pintxo-Bar. Es riecht so gut dass mir mit einem Schlag klar wird wie hungrig ich eigentlich bin. Auf See haben wir kaum etwas heruntergebracht, die Hitze hat uns den Appetit gestohlen. Jetzt ist er zurück. Mit Zinsen.
Ich bestelle wie ein Höhlenmensch – Zeigefinger, Grunzen, hoffen. Der erste Pintxo: gegrillte Garnelen im Speckmantel. Von diesem Moment an sind wir der baskischen Küche verfallen, und es gibt kein Zurück.
Es folgt gebratener Speck, eine Art Mini-Cordon-Bleu mit unbekannter aber köstlicher Füllung, dazu Sardellen und Oliven – jeder Pintxo ein Schlaraffenland im Taschenformat. Der Rotwein dazu ist trocken, süffig, viel zu leicht zu trinken bei dieser Hitze. Um uns herum Getöse, jeder Tisch besetzt, so dicht dass man darin ertrinken könnte ohne es zu merken. Wir werden satt, dann leicht angetrunken – Hitze, Müdigkeit, ein Bier, ein Wein, das reicht heute völlig aus – und wir torkeln zurück zum Boot.
Schlafen ist trotzdem keine Option. Unten in der Kajüte sind es immer noch über dreißig Grad, ein Backofen der einfach nicht ausgeht. Also sitzen wir mit kaltem Bier vom Minimarkt in der Plicht und schauen den Jugendlichen zu, die sich unermüdlich von der Kaimauer ins Hafenbecken werfen, wieder und wieder, ohne einen anderen Grund als den einen der zählt. Irgendwann fallen uns die Augen zu, mitten im Zuschauen. So endet der erste Abend – nicht mit einem Knall, sondern mit einem Ausklingen.
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| La Concha im Abendlicht |
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| Er will nur spielen |
Zwischendurch die Pflicht neben der Kür: die leckende Dieselpumpe wird endlich getauscht, der Motor ist inzwischen mehr neu als alt, und Pegasus nimmt es hin wie eine Patientin die die Prozedur längst kennt. Den letzten Tag und die letzte Nacht verbringen wir in der Bucht La Concha, vor vollem Strand, am vollem Ankerplatz, Touristen bis zum Horizont. Nicht was wir suchen. Die Entscheidung weiterzuziehen fällt sich praktisch von selbst.
Am 27. Juni geht es zehn Meilen weiter, nach Getaria.
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| Altstadt Getaria |
Der Hafen besteht aus zwei Becken hintereinander, im Norden die Fischer, im Süden die Marina mit Platz für zweihundert Boote, aber gerade mal drei oder vier für Gäste. Alle belegt natürlich. Doch am Hammerkopf wird uns spontan ein weiterer Platz erfunden, aus dem Nichts, wie durch einen Taschenspielertrick. Ausländische Yachten sieht man hier kaum – mehr als eine Handvoll auf einem Haufen, das kommt erst später, in Getxo. Der Hafenmeister gibt sich redliche Mühe mit seinem Englisch. Wir geben uns redliche Mühe zu verstehen. Irgendwo dazwischen treffen wir uns.
Als Segler bekommt man ein Privileg das kaum jemand sonst hat: man fällt vom Boot direkt in die Altstadt, ohne Vorort, ohne Ausfallstraße, ohne Umweg. Getaria klettert einen Berg hoch, kleiner als San Sebastián, überschaubarer, genau richtig. Wir finden unsere Stammkneipe innerhalb weniger Stunden – eine Terrasse, kaum mehr als ein Imbiss mit Zapfhahn, aber der Blick reicht über die ganze Bucht bis zur Biscaya die uns gerade noch durchgeschüttelt hat. Zehn Minuten vom Boot. Nach drei Tagen kennt man uns dort. Nach vier kennt man unsere Bestellung.
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| Das Stammlokal |
Der Fischereihafen ist dreimal so groß wie der von San Sebastián, voller Thunfischtrawler bereit für den Canyon de Cap Breton. Aber die moderne Fischerei ist anonym bis zur Unsichtbarkeit – man sieht die Boote raus- und reinfahren, nie den Fang. Der Fisch taucht erst im Restaurant wieder auf, schon tot, schon gegrillt, schon perfekt. Getaria hat dafür einen eigenen Trick: offene Grills direkt an den Fassaden, mitten auf der Straße, wo Bonito neben Rindersteaks so groß wie Bootsfender und ganzen Hummern brutzelt. Der Rauch zieht durch jede Gasse und macht jeden zum Hungrigen, egal wie satt man eigentlich war.
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| Auf Elcanos Spuren |
Und dann, noch ein besonderes Detail, das uns Seglern vom Zufall als Geschenk gemacht wird: Getaria ist der Geburtsort von Juan Sebastián de Elcano, dem ersten Menschen der die Welt unter Segeln umrundete, nachdem Magellan unterwegs gestorben war und jemand den Job zu Ende bringen musste. Sein Wappen trägt bis heute den Satz Primus circumdedisti me – Du hast mich als Erster umrundet. Wir sitzen auf unserer Terrasse, blicken auf die Biscaya die wir selbst gerade durchquert haben, viel kleiner und viel bescheidener, aber immerhin. Kein schlechter Ort für ein Bier. Kein schlechter Ort überhaupt.
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| Topo! |
Unter dem stillen Segen des ersten Weltumseglers ist das Rudel komplett. Von hier geht es zu dritt weiter. Lekeitio wartet schon.










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