Herz von Euskadi
Am 3. Juli verholen wir fünfzehn Meilen weiter nach Westen, nach Lekeitio. Grund: ein Straßentheaterfestival am Wochenende, und das wollen wir nicht verpassen. Jenny und ich kommen beide aus dem Theater – sie als Regisseurin, ich als Techniker – und so eine Gelegenheit lässt man nicht einfach vorbeiziehen, auch nicht mit Salzkruste auf der Haut und Biscaya-Müdigkeit in den Knochen.
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| Der alte Hafen |
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| Ein Riss in der Realität |
Das Festival selbst findet wild verstreut über die ganze Stadt statt – kein zentraler Ort, sondern ein Dutzend kleiner Bühnen, Parks, Plätze, Gassen, die man zu Fuß verbinden muss, quer durch die Hitze, immer auf der Suche nach etwas Kaltem zum Trinken zwischendurch. Eiskaffee am Vormittag, Bier am Nachmittag, je nachdem wie die Sonne gerade steht. Die Stadt selbst, abgesehen vom zentralen Treiben am Plaza de la Independencia, schenkt dem Ganzen erstaunlich wenig Aufmerksamkeit. Für die meisten Anwesenden scheint das Festival einfach zufällig da zu sein, ein Wetterphänomen mehr als ein Ereignis.
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| Wir sind gebannt |
Wir nehmen so viel mit wie möglich. Eine Soundinstallation im Park, Schaukelstühle, Schlaflieder aus aller Welt, zusammengetragen von einem kanadischen Künstlerkollektiv das offenbar genau wusste was erschöpfte Segler brauchen. Zwei brasilianische Performer in schwarzen Morphsuits, die sich lautlos durch die Stadt bewegen – herrlich skurril, ein Riss im Alltag der Strandgäste, die nicht sicher sind ob sie lachen oder sich fürchten sollen. Eine französische Tanzshow zur Geschichte von Gaia, sehr professionell, und Jenny ist so gebannt dass Johannes später erzählt, sie sei „gar nicht mehr ansprechbar" gewesen. Ein italienisches Komikerduo das die Kinder komplett abfeiern. Ein Zirkus der Sinne, den man mit verbundenen Augen betritt – schön, klug, mit Liebe gemacht, etwas Besonderes.
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| Komik aus Italien |
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| In der neuen Stammkneipe |
Und dann ist da noch die Geschichte mit der Jesus de Nazareth.
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| Der Blick voraus |
Der Hafenmeister hatte uns bei der Ankunft direkt neben ein Fischerboot gelegt – ein blauer Rumpf, gut vierzehn Meter, eng an eng mit uns vertäut, mit einer Winde an Backbord an der wir beim Anlegemanöver um Zentimeter vorbeigeschrammt sind. Das ganze Wochenende über sehen wir niemanden an Bord. Das Boot rührt sich nicht. Dann, Montagmorgen, fünf Uhr: Motorendröhnen, unverständliches Gerede, das Boot legt ab. Mittags kommt es zurück. Dienstag dasselbe Spiel, nur dass ich diesmal mit Kaffee in der Plicht sitze und einen der beiden Fischer anspreche, so gut ich kann. „Na, guten Fang gehabt? Auf was fischt ihr?"
Die beiden sehen aus wie aus einem alten Gemälde herausgeschnitten: schwarzes Haar, tief gebräunt von Jahren unter der Sonne, Gesichter die aussehen wie Stein wenn sie ernst sein wollen und sich sofort in ein herzliches Lachen auflösen wenn sie freundlich sein wollen – was öfter vorkommt als der erste Eindruck vermuten lässt.
Ich verstehe die Hälfte der Antwort nicht. Was ich verstehe, klingt nach: „Seid ihr morgen auch noch da?"
Bis zum nächsten Tag bin ich mir nicht sicher wie das gemeint war. Stören wir? Sind wir im Weg? Aber als die beiden am nächsten Mittag einlaufen, sind sie freundlicher als je zuvor. „Esst ihr Fisch?" Klar essen wir Fisch. Der Skipper drückt mir eine Plastiktüte in die Hand. Ein Dutzend Streifenbarben. „Para mí?", frage ich, ehrlich überrumpelt – halb gerührt, halb verwirrt, dass ihm das so wichtig zu sein scheint. Er grinst nur breit, dieses Stein-wird-warm-Grinsen. Ich grinse zurück.
Am Abend filetiere ich sie und brate sie in Olivenöl mit Knoblauch. Festes Fleisch, leicht nussig, einer der besten Fische die ich je gegessen habe.
Jenny will die Geste erwidern. Ein paar nette Worte, ein Feierabendbier. Wir stellen beides auf ihr Boot. Am nächsten Morgen hören wir: sie haben es gefunden. Über die Dankesbotschaft auf Baskisch sind sie ganz aus dem Häuschen. Das Bier aber wollen sie nicht annehmen. Sie trinken nicht, sagen sie. Ich glaube eher: es war ihr Stolz. Ein Geschenk mit einem Gegengeschenk zu schmälern – wir hatten es gut gemeint...
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| Eine Stadt wie ein Mosaik |
Von hier aus machen wir einen Ausflug mit der Schmalspurbahn, flussaufwärts, nach Guernica.
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| Guernica |
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| Im Schilf lauern Wildschweine |
Guernica selbst ist heute allerdings ein überraschend moderner, unaufgeregter Ort. Die Basken tragen ihre Geschichte, aber nicht die Schwere davon, jedenfalls nicht so wie ich sie mit mir herumtrage. Später, in Getxo, lernen wir einen Deutschen kennen der sein Boot dort liegen hat und seit Jahren in der Region lebt. Er betreibt eine deutsche Sprachschule, und er hat gut zu tun – es gibt mehr Handelsbeziehungen zwischen dem Baskenland und Deutschland als ich vermutet hätte, mehr Nähe, weniger Groll als ich erwartet hatte. Die Basken, sagt er, sind nicht nachtragend. Die Schwere, wird mir klar, lag in diesem Moment bei mir. Nicht bei ihnen.
Wir wandern von Guernica aus flussabwärts zurück, durch das Urdaibai-Naturschutzgebiet. Wildschweine im Schilf, dicke schwere Luft, Vögel die ich nie zuvor gesehen habe. Die Natur kümmert sich nicht um Geschichte. Sie wächst einfach weiter, über allem, auch über dem was hier einmal passierte.
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| Ein Paradies für Zugvögel |











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