Bilbao Hoch und Tief

Wir trudeln am Samstagnachmittag, den 11. Juli, in Bilbao ein. Direkt in die Stadt segeln kann man nicht, also werfen wir am Stadtrand, vor der Marina von Getxo, den Anker. Die Orca liegt bereits da – David ist irgendwo an Land, auf Besorgungstour. Wir rudern rüber in die Marina. Dort liegt Johannes, der ein kleines Leck an der Antriebswelle hat und es mit gewohnter Gelassenheit nimmt. Er wird wohl bleiben, die Vlieter aus dem Wasser holen, die anfälligen Arbeiten endlich erledigen.

Das Salz der Erde
Gemeinsam setzen wir uns in eine der Hafenkneipen, tauschen Seemannsgarn aus. David taucht irgendwann auf, die Geschichten beginnen sich zu überschlagen, ein Caña folgt dem anderen, und der Abend verliert sich in einem angenehmen Nebel.

Zurück an Bord ist an Schlaf trotzdem nicht zu denken – zum ersten Mal auf der ganzen Reise werden wir von Moskitos überfallen. Richtig überfallen. Ich schalte irgendwann das Licht an und sehe sie überall sitzen, an den Wänden, an der Decke, auf dem Kissen. Eine halbe Stunde schlagen wir wild um uns, bis die Kajütenwände übersät sind mit zermatschten Moskitos wie eine makabre Tapete. Am nächsten Morgen legen wir uns zu Johannes in die Marina. Dort ist es besser. Kaum, aber besser.

Der Blick in den Abgrund
Am 13. Juli haben Jenny und ich unseren Jahrestag. Wir leihen uns ein Auto und fahren zunächst nach Süden, die Serpentinenstraße hinauf zum Monte Santiago. Oben wandern wir durch Wald in dem halbwilde Pferde grasen, und überall Kühe die sich nicht im Geringsten um Autos oder Wanderer scheren – als gehöre ihnen der Berg, was vermutlich auch stimmt. Wir folgen dem Weg bis zum Salto del Nervión, einem Wasserfall der ausgerechnet heute ausgetrocknet ist. Der Ausblick entschädigt trotzdem für alles: eine über zweihundert Meter tiefe Schlucht, beinahe angsteinflößend in ihrer Endlosigkeit. Während wir dort stehen, gleitet ein riesiger Gänsegeier direkt über uns hinweg, nutzt die Thermik der aufgeheizten Felswände, so nah dass man ihn fast hätte berühren können, hätte man nur die Hand ausgestreckt.

Salz
Weiter geht es zu den Salinen von Añana. Man kann sie leider nur im Rahmen einer geführten Tour betreten, aber das schmälert den Eindruck kaum. Ein Ort so alt wie die menschliche Zivilisation selbst – schon in der Steinzeit gewann man hier Salz aus dem salzhaltigen Flusswasser, und die Becken die sich heute terrassenförmig den Hang hinunterziehen, glitzernd und uralt zugleich, im Grunde von den Römern angelegt, tragen diese Geschichte sichtbar mit sich. Kein Ort für große Worte. Wir stehen einfach da und versuchen diesen Nukleus menschlichen Daseins in uns aufzunehmen.

und noch mehr Salz
Der Rhythmus schleicht sich schon in San Sebastián ein und wächst seitdem nur weiter: sobald die Sonne ihren Zenit überschritten hat, kommt das erste Caña. Bier ist in spanischen Kneipen billiger als Coca-Cola – was sollte man also sonst trinken, bei dieser Hitze, nach diesen Wochen. Die Kargheit der Reparaturen, die Konzentration der Biscaya, all die Anspannung die sich über Monate angesammelt hat, will instinktiv ausgeglichen werden. Und es ist Sommer, ganz Spanien feiert, und wir lassen uns nur zu gern mitreißen.

Die Tage vergehen wie sie eben vergehen. David fliegt zurück nach Deutschland, um einem Freund zu helfen. Ein paar Tage später kommt Silas, ein Freund von Johannes, zu Besuch, und wir machen noch eine Autofahrt, diesmal nach Westen, die Küstenstraße entlang. In Castro-Urdiales gibt es Pintxos, bevor es weiter ins Hinterland geht.

Wir landen in einem kleinen Gasthaus. Niemand versteht so richtig die Kellnerin, eine Karte gibt es nicht. Es gelingt mir irgendwie klarzumachen, dass wir vier gerne eine Kleinigkeit hätten, was auch immer sie empfehlen kann. Ich verstehe nur, dass wir uns auf die Terrasse setzen sollen. Also sitzen wir dort in fröhlicher Erwartung, und es kommt eine Salatplatte. Nett. Frisch. Nicht der Rede wert, aber genau richtig für den kleinen Hunger. Wir haben gerade aufgegessen und denken schon ans Aufbrechen – hoch zu diesem Kloster, das wir von der Terrasse aus auf einem Berg sehen können – da kommt die Kellnerin um die Ecke mit dem größten Steak das ich je gesehen habe. Es zischt, es dampft, es riecht einfach nur nach allem was richtig ist im Leben. Wir dachten der Salat war schon alles. Jetzt sitzen wir vor einem Fleischberg der selbst für vier Personen fast zu viel ist. Und bevor wir aus dem Staunen herauskommen und zum Besteck greifen, kommt die gute Frau erneut um die Ecke, diesmal mit einem Berg aus Pommes-Frites. Es wirkt als könnten wir das niemals aufessen. Fast. Verkommen lassen wir trotzdem nichts.

Der Nebel kommt uns zuvor
Gestärkt bis fast zur Übelkeit fahren wir weiter zum Kloster. Wir nehmen den kürzesten Weg, ein Fehler der sich schnell zeigt. Die Straße wird steiler, uneben, irgendwann gar nicht mehr befestigt. Unser Wagen ist zwar irgend sowas wie ein SUV, aber das macht sich nur auf dem Papier gut. Nach fünf Kilometern muss ich anhalten – die Straße ist so ramponiert, dass wir garantiert aufsetzen und uns festfahren. Mit vereinten Kräften schaffen wir es umzudrehen. Der lange Weg ist am Ende auch kaum besser. Das Kloster selbst erreichen wir nicht. Zu spät dran, und für das letzte Stück müsste man laufen, aber oben in den Bergen zieht bereits Nebel auf, dick und einladend wie eine geschlossene Tür. Für den Rückweg nehmen wir die neue Küstenautobahn und sind in anderthalb Stunden zurück in Getxo. Manchmal ist der moderne Weg auch der bessere.

Am nächsten Tag, dem 16. Juli, muss der Wagen zurück, und da uns das ohnehin nach Bilbao führt, wollen wir uns die Stadt gleich ansehen. Natürlich muss es das Guggenheim sein.

Glänzende Hülle
Es enttäuscht uns. Hinter der schwungvollen Blechfassade – dieser berühmten, glänzenden Titanhaut die jeder kennt bevor er sie je gesehen hat – verbirgt sich vor allem Dekadenz. Das Versprechen des Besonderen, das die Architektur aufwirft, wird auf der inhaltlichen Seite nicht eingelöst. Weder ist der Präsentationsansatz außergewöhnlich, noch sind die Ausstellungen sonderlich gut kuratiert. Der größte Minuspunkt: baskische Kunst findet hier so gut wie keine Resonanz. Dieses Museum könnte überall auf der Welt stehen und wäre überall gleich bedeutungslos. Ein Gebäude ohne Wurzeln, mitten in einer Stadt die aus lauter Wurzeln besteht. Wir freuen uns trotzdem über ein paar Exponate und durchstreifen den Rest im Schnelldurchlauf.

Alles nur Schein
Das alte Viertel soll ja auch schön sein, also weiter. Hier erreicht der Pintxo-Hype seinen absoluten Höhepunkt. Am Plaza Barría sind die Bars im Karree unter den Arkaden angeordnet, jede lockt mit kleinen Leckerbissen in allen erdenklichen Varianten. Jenny und ich machen es uns zur Aufgabe, uns einmal komplett durchzuprobieren – und zu jedem Pintxo gehört ein Zurito, das ist inzwischen Gesetz. Als Johannes und Silas dazustoßen, steigt das Tempo noch einmal. Wir ziehen weiter durch die Altstadt: indisches Essen, dazu natürlich ein Caña, dann die nächste Kneipe, dann noch eine, bis wir gerade noch rechtzeitig die letzte Metro nach Getxo erwischen, johlend, angeheitert, restlos zufrieden mit uns und der Welt.

An Bord ist die Laune immer noch viel zu hoch für eine vernünftige Nacht. Mit dem letzten Eis aus der Kühlbox mixen wir Mojitos, einer nach dem anderen fällt in die Koje, bis am Ende nur noch Johannes und ich in der Plicht sitzen, und es ist schon so spät dass ich nicht mehr sagen könnte wie spät. Irgendwann, irgendwie, sind auch wir verschwunden.

Im Kern von Bilbao
Es folgen zwei ruhigere Tage, die ich nutzen will, um den Außenborder endlich zuverlässig zum Laufen zu bekommen. Ich finde nirgendwo Ersatzteile. Naja. Vielleicht mañana.

Am Samstag fahren Jenny und ich noch einmal mit der Metro nach Bilbao, diesmal weiter hinein als beim ersten Mal. Wir folgen unserem Instinkt und landen im linken, im Künstlerviertel. Die Wände sind vollgesprüht, vor allem politisch – es wird sehr klar was man hier von Faschisten hält, auf welcher Seite man im Nahost-Konflikt steht, was man von der Gentrifizierung des eigenen Viertels denkt. Aber die Stimmung ist alles andere als feindselig. Eine spanische Indie-Band spielt, überall werden Calimochos getrunken, und die Wut an den Wänden und die Leichtigkeit auf der Straße existieren einfach nebeneinander, ohne sich zu widersprechen.

baskische Begeisterung

Mit dem Sonntag kommt endlich das Finale der Fußball-WM. Nicht dass wir es mit Spannung erwartet hätten – hier hat das offenbar niemand. Wir sitzen in unserer Hafenkneipe und schauen das Spiel, weil wir sonst nichts zu tun haben an diesem Sonntag, der sich aus unserer Perspektive kaum von den anderen Tagen unterscheidet. Und genau hier wird noch einmal klar: wir sind immer noch im Baskenland. In der Kneipe sitzen vielleicht zehn Leute, betrachten das Spiel eher beiläufig als angeregt, so wie man einem Wetterbericht zuschaut den man schon kennt. Als Spanien mit einem Treffer das Finale entscheidet, zündet irgendwer in der Ferne eine Rakete. Das war's. Spanien ist Weltmeister. Und irgendjemand am Nebentisch dreht sich um zu seinem Nachbarn: „...und wie war dein Tag so?" Das Desinteresse könnte nicht deutlicher zur Schau getragen werden. Wir lieben es.

Weiter nach Westen

Silas muss zurück. Wir verbringen den Abend noch gemeinsam in Getxo, das Bilbao in Sachen Lebhaftigkeit in nichts nachsteht – nur das Ausmaß ist etwas kleiner, überschaubarer, unserer inzwischen vertraut. Einen Tag später muss auch Johannes nach Hause, Familienverpflichtungen die keinen Aufschub dulden. Und noch einen Tag später, am Donnerstag den 23. Juli, werfen auch wir die Leinen los und verlassen das Baskenland.

Kantabrien liegt nicht weit, die Küste entlang.

Kommentare

Beliebte Posts