Tage der Kette




 Cherbourg hält uns weiter in seinem Bannkreis. Wir haben uns dazu entschieden, die anfälligen Arbeiten hier durchzuführen. Immerhin sind wir in guter Gesellschaft. Gegenüber liegt ein Argentinier. Er hat sich eine Leine eingefangen und nun wartet er auf die Reperatur von Ruder und Getriebe. Ein Stück weiter liegen Dänen mit Motorproblemen. Deutsche, die die kalten Tage abwettern wollen. Norweger, Holländer, Engländer. Der Gästesteg ist das Sammelbecken von vom Unstern geplagten Seglern. Niemand ist hier, weil er hier sein wollte. Und doch bleiben alle. Wir auch. Zumindest vorerst. Dann fahren wir nach Deutschland. Wir haben eine neue Windsteueranlage aufgetan, sie liegt bei Windpilot in Hamburg, bereit zum Abholen. Ein Stück Zukunft, das noch nicht hierher passt. Jenny beginnt ihren Job in Kiel. Ein klarer Schnitt durch diese Zeit im Hafen und ich kehre allein zurück. Der Hafen empfängt mich unverändert. Als wäre ich nie weg gewesen. Vielleicht war ich es auch nicht.

Der Himmel kippt, kaum dass ich wieder an Bord bin. Erst Regen, der sich vorsichtig über den Hafen legt, dann ein gleichmäßiges, zähes Fallen, das nicht mehr aufhört. Der Wind zieht nach, wird schwerer, drückt die Boote tiefer ins Wasser, lässt die Masten gegeneinander sprechen wie alte Männer, die nichts mehr zu sagen haben außer Wiederholung. „Tage der Kette“. Ich hatte gedacht, ich würde arbeiten. Schrauben, montieren, messen. Stattdessen sitze ich unter Deck und höre dem Wasser zu, wie es gegen den Rumpf schlägt, immer gleich, immer wieder. Der Regen findet seinen Weg. Er trommelt auf das Deck, sickert durch jede kleine Undichtigkeit, sammelt sich in Ecken, die man gestern noch trocken glaubte. Roststellen blühen überall auf wie eine sich ausbreitende Infektion. Die Luft ist feucht und schwer, riecht nach Salz, kaltem Holz und einem Hauch von Metall. Alles fühlt sich klamm an. Die Kleidung, die Koje, selbst die Haut. Wenn ich nach draußen gehe, ist es kein Gehen, sondern ein Aushalten. Der Wind drückt gegen den Körper, tastet sich durch jede Schicht, bis er die Wärme findet. Die Finger werden steif am Stahl des Bootes. Die Leinen entlang der Bordwand sind dunkel vor Nässe, kalt wie etwas Lebloses, und doch sind sie das Einzige, was uns hält. Sie arbeiten ununterbrochen. Ein leises Reiben, ein plötzliches Knacken, dann wieder Spannung. Manchmal fährt ein Ruck durch das ganze Boot, kurz und hart, als würde etwas draußen entscheiden, dass wir uns doch bewegen sollen oder als wurde unsere brave Pegasus im Schlaf zucken. Im Traum von endloser sonniger See durch die wir rauschen.  Aber wir bewegen uns nicht. Wir geben nur nach, Zentimeter um Zentimeter, und kommen doch nie irgendwo an. Nachts ist es am schlimmsten. Der Wind wird unruhig, dreht, sucht. Die Masten schlagen unregelmäßig, irgendwo klappert loses Metall. Geräusche ohne Richtung, ohne Rhythmus. Ich liege wach und versuche, sie zu ordnen, ihnen Bedeutung zu geben. Aber sie bleiben, was sie sind: reine Bewegung ohne Ziel. Die Tage verlieren ihre Namen. Morgen, Abend, alles wird zu Abstufungen von Grau. Manchmal hört der Regen für einen Moment auf, und die Stille ist fast lauter als das Trommeln zuvor. Dann beginnt es wieder. Ich merke, wie ich mich daran gewöhne. Wie der Körper aufhört, Widerstand zu leisten. Wie Gedanken langsamer werden, sich nicht mehr festhalten lassen. Es gibt nichts zu greifen, also greife ich nach nichts. Einsamkeit hat hier keine Schärfe. Sie ist nur da, wie das Wasser. Kalt. Umfassend. Ohne Frage.

Irgendwann – ich kann nicht sagen wann – verschiebt sich etwas. Vielleicht ist es das Licht. Vielleicht nur ein Zufall. Ein Morgen, an dem das Grau dünner ist, durchlässiger. Der Wind hat an Kraft verloren, als hätte er selbst genug. Ich gehe an Deck. Zögernd erst, dann fester. Die Luft ist noch kalt, aber sie schneidet nicht mehr. Ich bleibe stehen, länger als nötig, als müsste ich mich vergewissern, dass dieser Moment wirklich existiert. Unten öffne ich den Karton. Arbeit beginnt leise. Ich breite Werkzeuge aus, wische Flächen frei, schaffe Platz. Dinge bekommen wieder einen Ort. Holzspäne fallen, fein und trocken, ein anderes Geräusch als Regen. Der Geruch von frischem Schnitt mischt sich unter das Salz. Ich messe, säge, passe an. Das Holz gibt nach, aber nicht widerstandslos. Es fordert Präzision, Aufmerksamkeit. Fehler bleiben sichtbar. Es ist ehrlich. Und genau das holt mich zurück. Mit jedem Handgriff wird etwas klarer. Nicht draußen – dort bleibt es Winter – sondern in mir. Gedanken greifen wieder ineinander wie Zahnräder. Die Zeit bekommt wieder Kanten. Ich räume auf. Nicht nur das Boot. Auch das, was sich in den Tagen davor angesammelt hat. Nasse Dinge trocknen. Lose Enden werden festgemacht. Es entsteht Ordnung, langsam, unspektakulär, aber beständig. Die Windsteueranlage wächst Stück für Stück an ihren Platz. Kein großer Moment, kein Durchbruch. Nur das stille Wissen, dass wieder etwas funktioniert. Dass Bewegung wieder denkbar ist. Und irgendwann ist da dieser andere Gedanke. Kiel. Jenny. Er kommt nicht plötzlich. Eher wie etwas, das lange weit entfernt schien und jetzt endlich Kontur bekommt. Klar, ruhig, ohne Zweifel. Ich werde sie abholen. Es fühlt sich an wie eine neue Zeitrechnung. Als würde etwas beginnen, das nicht mehr mit diesen Tagen verbunden ist. Die „Tage der Kette“ liegen noch nicht weit zurück. Und doch wirken sie schon fremd. Wie ein dunkler Traum, dessen Bilder man noch kennt, aber der keinen Zugriff mehr hat. Er löst sich, langsam, aus dem Kopf, aus dem Körper. Ich stehe an Deck und sehe hinaus. Die Leinen liegen ruhig in ihren Klampen. Sie halten noch immer. Aber sie bestimmen nichts mehr.

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