Eine neue Gezeit
Ich bringe Jenny zurück. Und mit ihr zieht auch der Frühling ein.
Ich weiß nicht, ob es Zufall ist. Aber seit dem Tag, an dem sie wieder an Bord steht, hat das Licht eine andere Farbe. Das Grau, das sich monatelang wie eine zweite Haut über den Hafen gelegt hatte, zieht sich zurück. Zuerst an den Rändern, zögerlich, dann immer entschiedener. Die Sonne bricht durch in einem Gelb, das fast frech ist nach allem, was war. Morgens liegt ein zartes Rosa über den Masten. Abends brennt der Himmel in Orange und Rot, als würde er sich für die langen dunklen Wochen entschuldigen wollen. Es gibt mehr Licht als Finsternis. Für mich ist das keine Kleinigkeit.
Sechs Wochen Trennung. Wir müssen unseren Rhythmus wiederfinden, das Zweipersonenboot neu einrichten, die stillen Gewohnheiten des Alleinseins ablegen wie eine zu dicke Jacke. Es braucht ein paar Tage. Aber wir können uns Zeit nehmen. Noch.
Wir arbeiten. Neue Leinen spleißen, Deck schrubben, Reinschiff machen. Die Hände beschäftigt halten, damit der Kopf nicht zu ungeduldig wird. Pegasus bekommt langsam wieder das Gesicht eines Bootes, das bald weiterfahren will. Frisches Tauwerk riecht nach Aufbruch. Das geschrubbte Deck glänzt in der neuen Sonne wie ein Versprechen. Das Frisch geölte Teak riecht nach Seefahrt.
Direkt neben dem Hafen, am Plage Verte, erwacht die Stadt. Ein Fest jagt das nächste. Frühlingsfest, Jahrmarkt, Karneval, das Holy-Fest. Beim Holy-Fest ist es am wildesten. Rosa Wolken aus Pulver hängen über der Uferpromenade, Gelb und Grün und Blau treiben im Wind über das Wasser bis zu uns herüber und legen sich auf das Deck wie ein letzter, übermütiger Gruß der Stadt. Musik, Kinderlachen, das dumpfe Wummern der Bässe. Das Leben drängt sich ans Hafenbecken und schaut uns neugierig an. Wir schauen zurück und lachen, obwohl wir nicht genau wissen, worüber.
Ich spaziere durch die Stadt, als würde ich bereits hier leben. Vielleicht tue ich das ja. Die Dame vom Hafenamt lächelt mir zu, wenn ich vorbeigehe. Die Bäckerin kennt meine Bestellung. Der Obdachlose an der Ecke und ich haben uns längst auf ein stummes Nicken geeinigt, das mehr sagt als viele Gespräche. Cherbourg hat mich aufgenommen, ohne zu fragen, wie lange ich bleibe. Das ist seltsam und schön zugleich.
Und doch. Der Himmel verspricht viel, zwinkert uns an mit seinem frischen Blau. Aber der Wind ist anderweitig beschäftigt. Kein Ostwind. Kein Fenster. Mehrmals legen wir einen Tag der Abfahrt fest. Mehrmals streichen wir ihn wieder. Der Notizblock füllt sich mit Daten, die nichts bedeuten. Nur zwei Kaps noch. Sechsunddreißig Stunden Fahrt. Und dann der Atlantik. Er liegt dort, irgendwo hinter dem Horizont, wo die Sonne untergeht, und schickt uns Starkwind und hohe Dünung im Wechsel, als wollte er uns auf Distanz halten. Als wäre er noch nicht bereit für uns. Oder wir nicht für ihn.
Freunde ein paar Liegeplätze weiter halten es nicht mehr aus. Ihre Ungeduld gewinnt. Sie werfen die Leinen los, wir sagen uns auf Wiedersehen. Sie kommen nur eine Tagesetappe weit bis Guernsey und sitzen dort fest.
Es heißt, das Glück sei mit den Mutigen. Diesmal ist es jedoch stumpfe, stupide Geduld, die uns das Glück bringt. Mitte April wird der Wind kurz unaufmerksam. Ein kleines Fenster öffnet sich, zögerlich wie eine Tür in einem fremden Haus. Wir schauen in die Wetter- und Gezeitendaten. Wir schauen nochmal. Dann sehen wir uns an. Es könnte...
Vier Monate. Es sind vier Monate, seit wir hier festgemacht haben.
Ich gehe ein letztes Mal zur Bäckerin. Kaufe mehr als ich brauche. Der Obdachlose an der Ecke lehnt in der Frühlingssonne an einem Baugerüst, die Augen halb geschlossen. Ich lasse ihm ein halbes Baguette da, ohne zu wissen warum. Er nickt, ohne aufzuschauen. Irgendwie fühlt es sich wie ein richtiger Abschied an.
Aber dann – dann ist da diese andere Regung, die sich nicht mehr unterdrücken lässt. Vier Monate aufgestaute Ungeduld, vier Monate Träume auf Eis, vier Monate lang Bilder im Kopf, die nie ganz verschwunden sind: der Atlantik in seinem tiefen, fast schwarzen Blau. Die Inseln, Belle-Île, Noirmoutier, Yeu, wie hingestreut vor der bretonischen Küste. Sonne, die nicht nur wärmt sondern brennt. Wasser, das wieder zum Schwimmen einlädt, zum Tauchen, zum Treiben. Und weiter, immer weiter, bis irgendwann Spanien am Horizont auftaucht. Das alles wartet. Es hat immer gewartet. Es hat nur ein bisschen Geduld gebraucht, um uns zu finden.
Alles liegt Bereit. Pegasus scharrt mit den Hufen.






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