PJ/13 "La Hague"
Als Pegasus endlich leichtfüßig aus ihrer Box gleitet, fällt mir ein achteinhalb Tonnen schwerer Klumpen Stahl vom Herzen. Ich bin den Tränen nahe. Vor Erleichterung. Vor Freude. Vor lauter Emotion, für die ich keinen besseren Namen habe.
Die Stunden davor waren kaum auszuhalten. Ich laufe unruhig über Deck, überprüfe jedes Ventil zweimal, dreimal, nehme schon die ersten Leinen weg. Löse steinharte Knoten, die durch mehrere Stürme festgezogen wurden – der stärkste hatte zwölf Beaufort – und die jetzt zerfranst durch meine Fingern gleiten wie alte Versprechen. Ich beobachte die Dalben. Sie wachsen seit Stunden in die Höhe. Natürlich sind es nicht die Dalben – wir sind es, die immer tiefer sinken. Das Wasser steht kurz vor Niedrigwasser, genau wie wir wollten, sodass wir bei Stillwasser Omonville-la-Rogue erreichen.
Ich frage mich ernsthaft: Kann ich überhaupt noch segeln?
Und dann – der Moment, in dem Cherbourgs Hafenmauern hinter uns zurückweichen. Keine große Sache. Nur das leise Verschwinden der letzten Monate im Kielwasser nach dem sich kein Seemann umdreht. Nicht mehr als ein Plätschern. Die Blockade, die sich aufgebaut hatte – Schicht für Schicht, Sturm für Sturm – zerfließt, wird von Pegasus' Bug in zwei Hälften geteilt und ist weg.
Der Himmel lacht in seinem schönsten Aprilblau. Die Sonne lässt die See glitzern wie ein Schatz aus Juwelen und Perlen. Nordwestwind, vier Beaufort, angenehm und sauber. Pegasus legt sich leicht in die Segel und wir – Jenny, ich, Pegasus – unsere ganz persönliche Dreieinigkeit – sind mit einem einzigen Atemzug wieder in unserem Element.
Das Ziel für heute ist bescheiden. Zehn Meilen die Küste hinauf. Omonville-la-Rogue, eine kleine Bucht kurz vor dem Kap de la Hague, gibt uns eine bessere Ausgangsposition für die Umrundung morgen. Den Erfolg des Tages misst man heute nicht in Meilen. Es geht allein darum, sich loszureißen. Den Fluss wiederzufinden.
Kurz vor Omonville schläft der Wind ein, wie er es so gerne tut in Küstennähe, und wir laufen die letzten Kabellängen unter Maschine in die Bucht. Um 1745h liegen wir fest an einer Mooringboje.
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| Cap de la Hague |
Von hier aus können wir noch immer die Hafenanlagen von Cherbourg sehen. Keine zwanzig Kilometer. Und doch: eine andere Welt - losgelöst von den Fesseln des Hafens, das Diktat des Winters endlich abgeschüttelt, wieder auf Kurs!
Wir verbringen einen letzten sonnigen Aprilnachmittag an der Normannischen Küste und eine unruhige Nacht an der Mooring. Der Neumond mag unsichtbar sein in der Schwärze der Nacht, doch seine unerklärlichen Kräfte auf die See sind zu dieser Springzeit (Koeffizient 110!) extrem. der Schwell der in die Bucht steht ist enorm. Pegasus schaukelt, scheuert an der Boje, dreht sich um die eigene Achse. Wir schlafen, wie man eben schläft wenn die See die ganze Nacht an einem zerrt.
Kurz vor 1000h springt der Diesel an. Wir lösen den Bojenhaken und nehmen direkten Kurs auf das Kap.
Der Wind hat in der Nacht auf Nordwest gedreht, genau wie vorhergesagt. Günstig für uns – nach der Umrundung wollen wir in den Raz Blanchard einfahren, den die Engländer Race of Alderney nennen, und die Gezeitenströmung bis Guernsey nehmen. Doch bis zum Kap wird es kein Spaziergang. Wind und Strom stehen gegen uns.
Je näher wir dem Kap kommen, desto höher werden die Wellen. In den Strömungskarten war eine Gegenströmung direkt an der Küste verzeichnet – und tatsächlich, sie ist da, erlaubt uns fast sechs Knoten Fahrt zu machen. Doch sie hat ihren Preis: Die Wellen wachsen. Nicht lange und flaschengrüne Glaswände von zwei Metern Höhe stürmen auf uns zu. Pegasus bäumt sich auf, stampft trotzig hinein. Jenny steht am Ruder und peitscht uns voran. Doch Wind und Strom zwingen uns Grad für Grad von Nordwest auf Nord abzufallen. Wir kämpfen uns Woge um Woge vor. Die Tonne Basse Bréfort passieren wir um 1030h an Backbord, ich setze die Genua. So arbeiten wir uns durch, bis das Leuchtfeuer La Plate und der Leuchtturm Gros du Raz achteraus liegen.
Dann können wir endlich auf den andere Bug wenden. Das Großsegel raus. Direktkurs Guernsey.
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| Kurs Guernsey |
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| Alderney |
Und dann – zum ersten Mal seit Monaten – die Sonne im Gesicht. Nicht das blasse Winterlicht, das sich entschuldigt. Echte Wärme. Echtes Blenden. Wir segeln zwei Stunden in diesem Licht, vier Beaufort, und sagen nicht viel; genießen einfach.
Um 1530h fordert der Little Russel unsere Aufmerksamkeit. Die schmale Meerenge zwischen Guernsey und Herm ist die Einfahrt nach St. Peter Port aus nördlichen Richtungen – und wie überall, wo das Wasser durch eine Enge gezwängt wird, baut sich auch hier eine massive Strömung auf. Ich berge die Segel, wir laufen unter Maschine bei kleinster Drehzahl mit über sechs Knoten dem Hafen entgegen. An Backbord liegt eine alte Fahrwassertonne, schief auf einem Felsen, verbogen und verlassen. Die Strömung muss sie irgendwann von ihrer Kette gerissen und dort hingeschleudert haben. Ein stilles, gut sichtbares Dokument der unbändigen Kraft der Gezeiten.
Ich halte das Ruder fest im Griff und die Seekarte im Auge während Jenny Leinen und Fender vorbereitet. Der Leuchtturm, der mit seinem Weiß-roten-Blinklicht die Hafeneinfahrt markiert ist längst in Sicht. Wir haben Glück, die Ampel steht auf Grün, keine Fähre wird auslaufen und so driften wir schwungvoll um die Ecke und sind in St Peter Port - Dem Hafen mit dem klarsten Wasser, das wir jemals in einem Hafen gesehen haben. Das Bassin ist kleiner als ich erwartet hatte, doch wir werden sofort von einem Lotsen empfangen, der uns den Weg an den Gästesteg weißt. Engländer, Franzosen, Deutsche. Jede Nation an einem eigenen Steg. Wir hissen unsere gelbe Q-Flagge
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| St Peter Port |








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