PJ/12 "Baie de Seine"

Wir haben gründlich geplant. Wir sind ausgeschlafen und bereit. Doch dann stehen wir in der Plicht, noch im Hafen, und wir hören die Masten im Wind singen. Etwas stimmt hier nicht, ist nicht wie es sein sollte. Die Böen sind viel zu stark. Jenny spricht aus, was ich nicht zu sagen wage. Wir können jetzt nicht los. Eine Wettervorhersage ist kein Versprechen. In letzter Instanz muss man den eigenen Sinnen trauen und manchmal sogar dem Bauchgefühl. Es gibt nur eine sinnvolle Wahl: Wir verschieben die Abfahrt um zwölf Stunden auf die nächste Gezeit. Als wir weiter die Wetterkarten beobachten, stellt sich Erleichterung bei uns ein. Das Wetter, draußen vor Kap d'Antifer hat sich massiv verschlechtert. Böen bis acht Beaufort schießen über die See, dort wo wir jetzt wären. Bedingungen die uns und Pegasus an die Grenzen gebracht hätten.

Als wir endlich die Leinen loswerfen ist es 0230h am 22. Dezember. Wintersonnenwende. Wir starten inmitten der längsten Nacht des Jahres. Dieppe schläft, nur die Fischer sind wie immer auf den Beinen und gehen unermüdlich ihrem Geschäft nach. Gemeinsam mit einem Kutter laufen wir aus in die Schwärze der Nacht. Vor uns liegt völlige Dunkelheit, kein Licht, weder natürlich noch künstlich liegt vor uns. Zwischen Himmel und Meer ist kein Horizont zu sehen. Wäre nicht die Küste an Backbord, wir könnten ebenso gut durchs Weltall schweben. Nachdem der Wind erst viel stärker war als angekündigt, hat er nun überraschend abgeflaut. Sämtliches Tuch ist ins Rigg gespannt und dennoch läuft die Maschine um uns genug Geschwindigkeit zu geben.

Hier und dort zeigen sich winzige Lichter, die verloren durch die Nacht kreuzen. Es sind Fischerboote, die ihrer Arbeit nachgehen. Wie immer sind ihre Kurse unvorhersehbar. Ununterbrochen sind wir auf der Hut, denn wir wissen bereits, dass sie die Vorfahrtsregeln der Seefahrt gegenüber kleinen Yachten gerne ignorieren. Es dauert auch nicht lange und eines der Boote nimmt direkten Kurs auf Pegasus. Wiedereinmal haben sie kein AIS aktiviert und so starren wir wie hypnotisiert durchs Glas. Es dauert eine Weile bis wir sicher sind. Sie sind direkt auf Kollisionskurs und kommen schnell näher. Deutlich kann ich die weis-schäumende Bugwelle sehen. Obwohl wir unserer AIS eingeschaltet, einen Radarreflektor im Mast haben, korrekte Beleuchtung eingeschaltet ist und wir theoretisch Vorfahrt haben, macht der Kapitän dort drüben keine Anstalt seinen Kurs zu ändern. Im vorletzten Augenblick bedienen wir uns eines kleinen Tricks. Als sie auf ungefähr zwei Kabellängen rangekommen sind, leuchte ich mit einem Handscheinwerfer ins Rigg mit den gesetzten Segeln. Das verwandelt unser kleines Boot in ein riesiges leuchtendes Dreieck und ist nun unübersehbar. Der Fischkutter ändert wie vom Schlag getroffen seinen Kurs und passiert uns keine fünfzig Meter vor unserem Bug. Es ist der selbe, wie der, mit dem wir gemeinsam Dieppe verlassen haben.


Als die Sonne über die Küste in unserem Rücken klettert haben wir Kap d'Antifer hinter uns gelassen und entern die Baie de Seine. Eine ruhige und mattblaue See liegt vor uns. Der Strom kippt nun gegen uns und wir kriechen weiter unter Maschine. Um 1130h überqueren wir bei 49°, 48 Minuten Nord den Null-Meridian. Der Greenwich-Meridian teilt die Erde in West und Ost. Wir sind nun auf der westlichen Hemisphäre. Doch diese geographische Trennlinie ist vollkommen willkürlich, ihre Existenz dient uns Seglern zur Positionsbestimmung, sie könnte überall auf der Welt sein.



Um 1330 kommt endlich etwas Wind auf. Wir können nach über zehn Stunden den Motor abstellen. Die Ruhe entlässt unsere Sinne wie aus einer Trance. Auch die See kommt langsam in Bewegung. Wie eine endlose Geröllhalde, so weit das Auge sieht, liegt sie um uns herum. Kalt, leer und in einem metallischen Blaugrau. Die Wellen formen undefinierbare geometrische Körper, die unentwegt erodieren und von neuem aus der Oberfläche steigen. Alles passiert träge aber mit kosmischer Bestimmtheit. Unter einem zerrissen Himmel aus dem jegliche Farbe gewichen zu sein scheint stolpern wir weiter. Obwohl die Sicht gut ist, haben wir seit Stunden nichts und niemanden gesehen. Wir durchfahren eine leere See. Nicht einmal Vögel lassen sich heute blicken. Unendlich scheint wiedereinmal das Meer und dieser endlose Raum scheint alles zu verlangsamen. Es gibt keinen Fixpunkt, nichts zur Orientierung waran man sich mit dem Blick festhalten könnte. Stunde um Stunde segelt Pegasus ihrem Kurs. Zeit wird zu Raum und Raum zu Zeit. Und dann, als die Sonne bereits ihre Wache beendet hat und die Nacht sich über uns senken will, sehen wir im letzten Licht des Tages Land. Das Kap von Pointe de Barfleur liegt an Steuerbord vorraus. Dort und um die dahinterliegende Landzunge herum und wir sind im Hafen von Cherbourg.

Doch wir sind viel zu früh. Wir haben exakt kalkuliert und uns dann misstraut. Wir haben an uns selbst gezweifelt und sind früher gestartet als errechnet. Wir wollten eine Reserve dabei haben. Jetzt wird sie uns zum Ballast. Der Strom steht hier am Kap noch mit voller Stärke gegen uns. Mit Sonnenuntergang hat auch der Wind zugenommen, sodass wir im zweiten Reff segeln. Wir halsen Richtung Norden um uns in eine günstige Position zu bringen bis die Tide kippt, in sicherem Abstand zu den Untiefen vor dem Kap. Wir geigen unruhig durch die Nacht. Von achtern schiebt uns der Wind, von vorn stemmt sich uns der Gezeitenstrom entgegen. Es ist kaum möglich Pegasus davon zu überzeugen geradeaus zu laufen. Ständig versucht sie zur einen oder anderen Seite hin auszubrechen. Wieder halsen wir auf den anderen Bug aber das ändert nicht viel. Wir kommen kaum voran. In den fast vier Stunden, die wir uns gegen den Strom arbeiten, schaffen wir gerade einmal acht Meilen. Von der Küste aus Blinkt unablässig der Leuchtturm von Pointe de Barfleur wie um uns zu verhöhnen. Doch so sicher wie der Mond seine Kreise um die Erde dreht, kippt auch die Gezeitenströmung. Um 0100h nehmen wir endlich merkbar Fahrt auf. Kaum sind wir etwas nördlich des Kaps flaut jedoch der Wind ab. Unsere Geduld hat eine Grenze erreicht und ich starte die Maschine. Wir haben kaum noch Diesel im Tank aber bis in den Hafen wird es reichen. Auf einmal geht es leicht und schnell. Wie auf einem Fluss treiben wir in Richtung Cherbourg. Wir passieren die Tonnen "Basse du Rénier" und "La Pière Noire". Das Leuchtfeuer von Kap Lévi fliegt in der Dunkelheit an uns vorbei. Aus dem fernen glimmen in der Kimm wird das Lichtermeer von Cherbourg. Und Meile für Meile lösen sich daraus einzelne kleine, rot und grün blinkende Punkte. Die Ansteuerung für die östliche Einfahrt kommt in Sicht. Wir schleichen von Bassin zu Bassin, bis in die innersten Bereiche des Hafens und gleiten mit letztem Schwung in eine mucksmäuschenstille Marina. Alles schläft und träumt als wir um fünf Uhr am Morgen des 23. Dezembers die Leinen festmachen. 26 Stunden und 120 Meilen liegen hinter uns. Auch wir wollen nichts mehr als schlafen und träumen.

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