Der Fluch von Cherbourg

 Es ist Zeit für einen Moment zur Ruhe zu kommen. Wenigstens für die Weihnachtsfeiertage nehmen wir uns keinen weiteren Schlag vor. Auch wenn wir hier und da schonmal ein bis zwei Wochen festlagen, so war das jedes Mal ein abwarten. Ein ständiges auf der Lauer liegen um das nächste Wetterfenster zu nutzen. Doch dieser Zustand des Allzeit-bereit-Seins lässt wenig Erholung zu. Im Gegenteil: es zermürbt. Eine Woche genehmigen wir uns, ohne ständiges Wetter beobachten, ohne Planung für die nächste Etappe. Wir flanieren durch die Gassen von Cherbourg, saugen die letzten Minuten der Vorweihnachtszeit in uns auf und ergänzen unsere Vorräte mit französischen Spezialitäten. Camembert, Salami, Pasteten, Baguette. Wenn's ums Essen geht sind die Franzosen Genießer und wir können nicht genug davon bekommen.


Für Heilig Abend kündigt sich erneut schlechtes Wetter an. Papa Noël kommt dieses Jahr auf einem Sturm angeritten.


Der Nachmittag lässt noch einmal Zeit zum Luftholen, während der Himmel sich zuzieht und sich in dunklem Tintenblau einfärbt. 


Schon am frühen Abend fallen die ersten Sturmböen über den Hafen her. Pegasus ist gut gesichert, denn wir sind nicht überrascht vom Wind und haben uns eine günstige Position am Steg gesucht. Wir wollen nicht wieder wie auf Helgoland auf den Ponton gedrückt werden. Dieses Mal hängen wir in den Leinen. Unsere Festmacher sind mittlerweile vollständig ausgereckt und knarren und knarzen wie altes Holz, jedes Mal wenn das Boot von einer besonders starken Böe erfasst und auf die Seite gedrückt wird. Pegasus zerrt widerspenstig an den Leinen während ich in der Kombüse versuche zur Feier des Tages ein Boeuf Bourguignon zu kochen. Man sollte denken, die unzähligen Stunden der Stürme hätten uns gegen ihre Wirkung abgestumpft. Aber so ist es nicht. Unsere Nerven sind genauso gespannt wie unsere Leinen. Bis weit nach Mitternacht treibt der Wind sein Unwesen bevor wir endlich zur Ruhe kommen und etwas Schlaf finden.

Hört wie ein Sturm mit bis zu neun Beaufort im Hafen klingt:


Uns geht der Diesel aus. Langsam aber sicher laufen die letzten Tropfen durch die Heizung. Nicht nur der rudimentäre Komfort einer warmen Kajüte ist bedroht, ohne Diesel können wir auch nicht aus dem Hafen manövrieren. Die Hafenhandbücher haben uns eine Bootstankstelle in Cherbourg versprochen. Doch die ist geschlossen. Wartungsarbeiten oder Umbau, wir wissen es nicht und auch sonst weiß niemand, wann dort wieder Sprit fließen wird. Es bleibt uns nur die zwei Kilometer entfernte Tankstelle am Stadtrand als Alternative. Jenny ergattert noch schnell die beiden letzten 20-Liter-Kanister die in ganz Cherbourg zu haben sind. Zusammen mit unserem Reservekanister können wir jetzt 60 Liter transportieren. Doch wie sollen wir die zwei Kilometer weit tragen. Ein verlassener Einkaufswagen auf dem Picard-Parkplatz kommt uns gerade recht. Den "borgen" wir uns. Wir brauchen drei Fahrten um Pegasus' Tanks zu füllen. Anstatt gemütlich 300 Meter zur Bootstankstelle zu fahren, werden es zwölf Kilometer mit einem störrischen Einkaufswagen. Dreimal hin, dreimal zurück. Über Kopfsteinpflaster, geschottertes Trottoir und schwankende Stege. Mit einer kleinen, elektrischen Pumpe verteilen wir den Diesel in die Tanks. Es dauert den ganzen Tag.

Die nächsten Tage verbringen wir mit nichtstun. Wir schlagen die Zeit tot, erkunden die Stadt und erinnern uns an das letzte Mal, als wir hier waren. 


Es ist fast neun Jahre her. Damals kamen wir als totale Segelanfänger hier an, um mit Freunden die französische Küste entlang und schließlich nach Irland zu segeln. Doch ein Motorproblem durchkreuzte unsere Pläne. Wir saßen fast zwei Wochen hier fest, bevor das Ersatzteil kam und wir endlich die Segel setzen konnten. Zwei Wochen des Wartens kamen uns damals wie eine Ewigkeit vor, drückten unsere Stimmung bis zur Gereiztheit. Heute können wir bei dem Gedanken daran nur müde lächeln. Was sind schon zwei Wochen. Was sind schon die eigenen Pläne im Angesicht der Unwägbarkeiten der Fahrtensegelei.

Wir haben uns entschieden, in der Silvesternacht den nächsten Sprung zu wagen. Das Wetter scheint ruhig zu bleiben und es wäre schön das neue Jahr mit dem Ausblick auf den tiefblauen Atlantik beginnen zu können. Am Vorabend starten wir zur Probe den Motor. Er schüttelt sich wie ein losgelassener Presslufthammer und lässt das ganze Boot vibrieren. Er rüttelt an den Fundamenten, als wollte er gleich aus dem Boot springen. Ratlos starre ich in den geöffneten Maschinenraum. Für den Moment habe ich keine Idee, wo der Fehler liegt. Doch den Motor brauchen wir dringend für die morgige Fahrt. Der Wind alleine wird nicht reichen. Es ist schon spät und so entscheiden wir uns schweren Herzens die Abfahrt zu verschieben. Der Fluch von Cherbourg ereilt uns erneut. Wieder durchkreuzt ein defekter Motor unsere Pläne. Am nächsten Morgen sitzen wir in der Messe mit tief in unseren Kaffeetassen vergrabenen Mienen. Ich grübel und grübel. Nach dem siebzehnten Kaffee, der achzigsten Zigarette und wahrlosem Gefummel am Motor, dämmert mir etwas. Nach dem ersten Winter an Bord von Pegasus hatte der Motor schon einmal ähnliche Sperenzchen gemacht. Es lag damals nur an etwas Luft in der Kraftstoffleitung. Doch entlüftet habe ich bereits. Aber da war doch... Ich öffne die Schraube am oberen Vorfilter, entlüfte erneut und der Motor springt an, läuft wie ein Uhrwerk und würde mich einen Idioten nennen, wenn er sprechen könnte. Ich könnte mich ohrfeigen. Eine fünf minütige Reperatur kostet uns die Weiterfahrt. Wir ergeben uns unserem Schicksal und stellen uns auf eine Silvesternacht in Cherbourg ein. Am 4. Januar kommt die nächste Gelegenheit. Es wird ein ruhiges Neujahr. Schiffs- und Zughörner ertönen, ein paar einzelne Raketen zu Mitternacht und das Jahr 2026 empfängt uns mit Stille. 


Dann kommt das nächste Wetterfenster am 4. in Sicht. Es soll in den nächsten Tagen bis in die Gegend um Brest gehen. Dort wollen wir die letzten Vorbereitungen für die Biskaya-Überquerung erledigen und gemeinsam mit einem weiteren Boot den Sprung nach Spanien wagen. Ein Freund wartet dort bereits seit Ende Oktober auf die richtige Gelegenheit und wir haben uns verabredet zusammen überzusetzen. Ganz oben auf unserer Liste steht die Windsteueranlage. Ohne die oder eine andere Form von automatischer Steuerung wird jeder Schlag von mehr als 24 Stunden zur Qual. Die Erfahrung haben wir zuletzt ausreichend gemacht. Ganz zu schweigen von drei bis vier Tagen Nonstop Segeln. Um sicher zu gehen, bei der Montage keinen Fehler zu machen, kontaktiere ich vorsorglich den Hersteller. Die Rückmeldung kommt ebenso schnell wie niederschmetternd. Die Anlage, die wir nach langem Suchen erstanden haben, ist für unser Boot nicht geeignet. Es bringt die ganze kommende Planung ins Wanken. Wir können die alte Anlage verkaufen und eine andere organisieren. Doch das bedeutet, dass wir die Ruderanlage überholen müssen. Wie wir es drehen und wenden, es bedeutet ein Umdenken und Umplanen. Und auf die eine oder andere Weise wird es Zeit in Anspruch nehmen. Sollen wir da überhaupt weitersegeln. In Brest werden unsere Aktien unverändert stehen. Immerhin steht uns hier in Cherbourg eine gute Infrastruktur für Segler zur Verfügung. Es ist wie verhext. Jede Entscheidung hat ihr für und wieder. Bleiben wir hier oder segeln wir weiter. So oder so, die Arbeiten müssen angegangen werden, sie werden uns weiter verfolgen.

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