PJ/3 "Helgoland"
Die Vorhersage verspricht anspruchsvollen aber besten Wind nach Helgoland. 4 bis 5 Windstärken aus Süd-Ost. Am Abend etwas auffrischend. Perfekte Bedingungen. Nachdem wir die letzten Tage ausgiebig die Maschine testen konnten, brennen wir nun darauf Pegasus endlich wieder unter Segeln zu steuern. Wenn alles glatt geht sind wir spätestens um 2000 im Südhafen von Helgoland.
Als wir um 1215 Cuxhaven verlassen ist der Himmel von einem strahlenden blassblau erfüllt. Verstreute Cumuluswolken vollenden das Bild. Nach fast 14 Monaten ziehen wir zum ersten Mal wieder die Segel hoch. Viel Tuch benötigen wir nicht um Pegasus auf Trab zu bringen. Das Groß steht im zweiten Reff und die Genua ist zur Hälfte ausgerollt. Wind, Welle und Strom schieben uns die Elbe hinunter in Richtung Nordsee. Wir folgen zunächst dem Hauptfahrwasser bis zum neuen Luechtergrund. Dort verlassen wir die Fahrrinne und den starken Verkehr und nehmen die Norderrinne. Zwei Stunden segeln wir dahin als gäbe es sonst nichts auf der Welt. Pegasus trabt leichtfüßig Richtung Nordwesten und seit langem geht es wieder um nichts als ums Segeln. Dann plötzlich ein metallisches 'pling'. Die Dirk hat sich verabschiedet - der Bolzen des Schäkels hat sich herausgedreht und ist über Bord gegangen. Nun flattert das Seil wie eine wütende Schlange vom Masttop herunter. Ärgerlich aber nicht weiter gefährlich. Wir haben Ersatz dafür. Ich fange die widerspenstige Dirk und bringe sie, in Lee über dem Baum hängend, wieder in ihren Beschlag. Kaum wieder in der Plicht der nächste Knall. Diesmal hat sich der Reffknoten im Großsegel gelöst. Ohne diesen Befestigungsknoten klatscht es mit der vollen Wucht des Windes in die Wanten. Ein Zustand der das Segel schnell zerstören kann. Vor allem die dünnen Segellatten könnten brechen, was den Wirkungsgrad des Segels radikal einschränken würde. Ich hechte zum Mast. Mit leibeskräften zerre ich das Segel hinunter. Immer in kleinen Stücken sobald der Winddruck für einen Moment nachlässt. Es gelingt mir bevor ein größerer Schaden entstanden ist. Wir entscheiden uns dazu das Segel zu bergen und nur unter halber Genua weiterzusegeln. Wir machen auch so gute Fahrt von über sechs Knoten und liegen bestens in unserem Zeitplan.
Um 1530 passieren wir die Tonne "Norderelbe" und nun sind wir endlich auf der Nordsee. Auf dem weiten Meer. Grüngrau und mit einem herausfordernden blitzen in den Wellen liegt es offen vor uns. Kein Land in Sicht, frei bis zum Horizont. Dann erreicht uns die nächste Wettermeldung über Funk: eine Warnung vor Starkwindböhen, gepaart mit der Ansage, der vorhergesagte auffrischende Wind werde schon früher 6 Windstärken oder mehr erreichen. Für den Bruchteil einer Sekunde macht sich ein schmerzliches Gefühl tief in der Magengegend bemerkbar. Doch wir haben gar keine Entscheidung zu treffen. Zurück in Richtung Küste können wir nicht mehr. Weder der Wind, noch die Tide erlaubt es uns. Wir müssen weiter und zwar so schnell es geht. Wir geben Pegasus die Sporen. Nicht das dazu viel nötig wäre. Sie läuft und läuft. Der Strom treibt sie direkt auf Helgoland zu und der Wind hat seinen Anteil daran. Die halbe Genua genügt um Spitzen von weit über sieben Knoten zu erreichen. Wir sind guter Dinge denn bei dieser Geschwindigkeit werden wir noch vor dem Starkwind im Hafen sein.
Auch wenn man denken könnte es gäbe nichts besseres als Rückenwind um sein Ziel zu erreichen, ist es für ein kleines Segelboot nicht einfach einen solchen Kurs zu fahren. Erstens besteht die permanente Gefahr, dass die Segel unkontrolliert von einer Seite auf die andere schlagen können und zweitens versucht jede Welle die von achtern heranrollt das Boot auf die Seite und damit aus dem Kurs zu schieben. Es war für uns also höchste Konzentration geboten und harte Arbeit am Ruder. Als wir um 1630 Helgoland sichten hat der Wind stramme fünf Windstärken erreicht und die ersten starken Böen schlagen nach Pegasus. Aber wir haben das Boot im Griff, laufen weiter auf den aus dem Dunst aufsteigenden Felsen zu. Telefonmast und Leuchtturm sind zuerst zu sehen, dann das nahezu flache Oberland und kurz darauf die steilen Klippen. Wie ein erdgeschichtliches Ereignis erhebt sich der schroffe Fels für uns aus dem Horizont. Kaltes Blau wird zu warmen Rot bevor die Dämmerung einsetzt und Felsen wieder in aschfahle blautöne einhüllt. Wir sind jetzt ganz Nahe und können es schaffen den Hafen noch vor Sonnenuntergang anzulaufen. Nur noch eine Stunde entfernt, circa fünf Meilen vor der Hafeneinfahrt. Doch eine Stunde auf See kann endlos sein.
Inzwischen hat der Wind noch weiter aufgebrist und je näher wir der Insel kommen desto höher werden die Wellen. Die hohen Wellen und die Dämmerung machen es schwer die Ansteuerungstonnen zu sehen. Die Sonne ist noch nicht untergegangen und daher ist noch kein Seezeichen beleuchtet. Irgendwann ist es dann soweit. Wir sichten die grüne Tonne. Die grüne Tonne, endlich, sie markiert den Weg in den Hafen. Während die Wellen höher und höher werden will die Tonne nicht näher kommen. Minuten fühlen sich wie Stunden an während um uns herum die See vor Helgoland zu bedrohlicher Größe heranwächst. Wir müssen hier weg! Jenny steht am Ruder und hat alle Mühe das Boot auf Kurs zu halten aber sie lässt Pegasus gekonnt durch die Wellen schießen. Doch es wird woge für woge, die wir uns in Richtung der Einfahrt bewegen gefährlicher. Wind und Strom werden aus nach Helgoland bringen aber diesen Gewalten ist es egal ob in die Hafeneinfahrt oder gegen die Kaimauer. Es ist kein Platz für Fehler. Nachdem wir nach einer Unendlichkeit die grüne Tonne an Steuerbord passieren, starte ich die Maschine. Wir bergen den letzten Fetzen Genua und schlagen einen Haken nach Steuerbord, direkt in Richtung der Einfahrt. Der Motor schreit fürchterlich und oben auf den mittlerweile zweieinhalb Meter hohen Wellenkämmen, wenn der Propeller nahe an die Oberfläche kommt und der Motor unkontrolliert Hochdreht, wird sein Geheule so schauderhaft, dass wir für einen Moment damit rechnen, er könnte direkt explodieren. Es wäre beinahe ein Moment zu beten. In einem leichten Bogen nach Backbord surfen wir mit zusammengebissen Zähnen in den Vorhafen. Doch ist hier noch keine sichere Zone. Wieder schlagen wir Haken. Steuerbord, Backbord und wir sind im inneren Südhafen. Aber durch die Südost Richtung reicht der lange Arm des Windes bis hier hinein. Wir können keine Luft holen. Kaum sind wir drinnen zerren wir Leinen und Fender hervor, belegen alles und Krallen uns wie ertrinkende an ein Stück Schwimmtsteg im letzten Winkel des Hafens. Einatmen. Ausatmen.
Anderen Seglern geht es an diesem Abend nicht anders. Der Wind hat weiter auf sieben Beaufort zugenommen. Sie kommen mit zerfetzten Segeln rein und haben Schwierigkeiten festzumachen. Wir werden nun ersteinmal hier liegenbleiben, denn es formieren sich weitere Starkwindfelder und später eine Orkanfront am Horizont. Immerhin, wir sind auf Helgoland - Alle Wege stehen uns von hier aus offen.
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| Festgemacht im Südhafen von Helgoland |
Doch wie lange es dauern wird bis sie uns tatsächlich offenstehen wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.



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