PJ/20 "España"
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| Jetzt oder Nie |
Wieder einmal ist der Wind schwächer als ohnehin schon vorhergesagt. Die Maschine läuft. Die Sonne scheint aus vollem Halse.
Die See verwandelt sich in geschmolzenes Glas. Alles glüht, alles ist gleißend hell, alles brennt. Der Seegang ist so schwach dass Pegasus wie auf Schienen Richtung Süden läuft – und doch fühlt es sich zäh an, klebrig, als würde man durch Honig waten. Ohne einen Fixpunkt in der Nähe bekommt man das Gefühl nicht voranzukommen. Das monotone Dröhnen der Maschine, das leichte, konstante Rollen des Bootes, die Hitze die von der Oberfläche zurückgeworfen wird und uns von allen Seiten umschließt. Wir schöpfen unentwegt Meerwasser um Boot und uns abzukühlen. Es verdunstet kaum dass es die Oberflächen berührt.
Und dann – als wäre es nicht genug – beginnt die Dieselpumpe zu lecken. Als hätten wir in Les Sables d'olonne nocht nicht genug am Motor erneuert. Ein scharfer Geruch breitet sich unter Deck aus, zieht durch die Kajüte, mischt sich mit der Hitze zu etwas Unerträglichem. Es sind nur ein paar Tropfen, am Verbrauch nicht zu bemerken, aber sie reichen um alles zu erfüllen. Wir könnten die Pumpe unterwegs tauschen – das Ersatzteil liegt in der Backskiste – doch das würde uns drei Stunden antriebslos in der Flaute schaukeln lassen. Da das Leck nicht schlimmer wird, entscheiden wir uns dazu die Tropfen aufzufangen und die Reparatur auf Spanien zu verschieben. Es ist als wollte uns PEgasus daran erinnern: Ihr habt ein Teil vergessen auszutauschen - Sie ist eine strenge Lehrmeisterin.
Jenny und ich wechseln uns alle zwei Stunden am Ruder ab. Länger hält man es in der Sonne nicht aus. Ich sitze mit Hut, Sonnenbrille und einer dünnen Stranddecke über den Schultern in der Plicht. Gegen die Hitze ist nicht anzukommen, ich kann nur versuchen mich vor den schneidenden Sonnenstrahlen zu schützen. Ich starre an diesem Tag stundenlang in die Wellen. In der Hoffnung dort eine Abwechslung zu finden. Delfine. Wale. Irgendetwas.
Es ist eigenartig – sobald Gehirn und Sinne unterfordert zu sein scheinen, springt die Fantasie in die Bresche. Nicht lange und ich sehe überall Finnen, Schwanzflossen, springende Fische. Die See füllt sich mit fantastischen Lebewesen. Groteske Ungeheuer, wilde Scheusale, Kreaturen ohne Namen – alles lebt in meinem peripheren Sichtfeld. Schaue ich genau hin, entzieht sich mir alles sofort und ist wieder unter der endlosen Wasseroberfläche verschwunden. Es ist nicht alles Einbildung. Die Biscaya ist belebt. Immer wieder sehen wir Bereiche aufgewühlten Wassers aus denen kleine Makrelen herausspringen – blaugrün getigerte Rücken, silberne Bäuche. Und die Jäger dahinter: Bonito del Norte, die ortsansässige Thunfischart, springt ein ums andere Mal neben Pegasus aus dem Wasser. Aber was wir auch sehen – es reizt die Fantasie nur umso mehr die herrschende Leere auszufüllen. Vielleicht trocknet unser Verstand hier draußen auch einfach nur Stück für Stück aus.
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| Soviel Tuch wie nur möglich |
Wir sind noch nicht sehr erfahren was das Segeln unter Gennaker betrifft, schon gar nicht bei fünf Beaufort. Man muss höllisch aufpassen am Ruder – luvt man zu sehr an, fällt das Vorliek ein; fällt man zu weit ab, verdeckt das Großsegel das Gennaker und es kollabiert. Ein Spielraum von kaum mehr als zehn Grad. Sowohl Jenny als auch ich brauchen eine Wache um den Dreh herauszubekommen. Doch wir machen gute Fahrt – und wenn es gut läuft, nimmt man es mit. Langsam wird es früher oder später ohnehin wieder.
Es ist die kürzeste Nacht des Jahres, Sommersonnenwende, und sie reicht nicht um das Boot abzukühlen. Kaum hat jeder von uns einen Augenblick Schlaf bekommen, ist sie auch schon wieder da, die Sonne. Das die gerade über Europa hinwegziehende Hitzewelle das Land noch härter trifft als uns auf See gibt wenig Trost. Schon am morgen ist es so heiß, dass wir uns auf den Duchten die Füße verbrennen. Es ist als würde die Sonne allen Raum für sich einnehmen. Selbst der Wind scheint sich vor ihr zu fürchten und verschwindet. Wieder läuft die Maschine.
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| Sonne wohin man blickt |
Dann allerdings passiert etwas das unser Vertrauen etwas dämpft. Die Harmattan fährt quer durch eine Gruppe von Fischerbooten – ohne auszuweichen, ohne auf deren UKW-Rufe zu antworten. Wir hören die Fischer, sehen die Situation auf dem AIS. Schläft dort jemand am Ruder? Hat der Autopilot allein das Sagen? Wir wissen es nicht. Die Harmattan läuft weiter, unbeirrt, stumm. Wir behalten sie im Auge – aber mit etwas weniger Vertrauen als zuvor.
Wir sehen den Sonnenuntergang herbei und wir sehnen den Wind herbei. Doch die Sonne versinkt mit einem hämischen Grinsen und macht einem Wind platz, der aus einem elektrischen Fön stammen könnte. Die einsetzende Dunkelheit tut dennoch gut und gibt unserer gereizten Haut Gelegenheit zur Erholung. Wir müssen laut Wetterprognose ab Sonnenuntergang mit einem Böenfeld mit sieben Beaufort rechen. Nichts, was uns Sorgen macht aber es wäre zu viel Wind für das leichte Gennaker. Stattdessen haben wir die Genua und das Groß oben. Beides können wir mittlerweile in jeder Lage schnell und sicher bedienen. Leider machen wir auf diese Weise kaum drei Knoten fahrt. Und so schaukeln wir in die Nacht hinein, in Erwartung von Starkwindböen, die vielleicht nie kommen werden.
Um Mitternacht hat sich am Wetter noch nichts geändert. Die angekündigten Böen sind längst überfällig – vielleicht haben sie sich in Luft aufgelöst. Wir wollen nicht weiter warten. Wir tauschen die Genua gegen das Gennaker und machen immerhin knappe vier Knoten. Jenny legt sich in die wohlverdiente Koje, ich übernehme meine Wache.
Die Nacht ist trocken und warm und für diesen Zustand ungewöhnlich klar. Ich sitze in Luv und lasse Pegasus entspannt Richtung Süden geigen während der Halbmond uns in Sicherheit wiegt. Ich brauche keinen Kompass in dieser Nacht, keinen Plotter. Antares aus dem Sternbild Skorpion hält uns mit seinem roten roten Glanz auf Kurs. Die Zeit scheint im gleichen Tempo zu vergehen mit dem wir uns voran bewegen – langsam, beinahe traumhaft. Der Wind wird immer schwächer, alles will in der dicken warmen Luft der Nacht steckenbleiben. Pegasus und ich versinken woge für woge in Trägheit und schließlich in Müdigkeit. Wir stehen beinahe auf der Stelle.
Dann kommt der Nordostwind vollständig zum Erliegen. Die Segel fallen in sich zusammen und hängen nutzlos im Rigg. Ich frage mich wo denn der angekündigte Starkwind bleibt – doch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, werden wir von einer immensen Böe aus entgegengesetzter Richtung erfasst. Wie ein Güterzug kommt der Wind aus Westen angedonnert und überrollt uns. Die Segel blähen sich auf einen Schlag wieder auf, das Großsegel schlägt unkontrolliert auf die andere Seite, das riesige Gennaker steht plötzlich back, Pegasus krängt heftig und wirbelt herum wie ein erschrockenes Pferd. Viel zu viel Tuch für diese Windstärke. Mit aller Kraft reiße ich das Ruder herum und stelle das Boot in den Wind.
Jenny kommt heraus. Müdigkeit und Verwirrung im Blick – sie muss von der Böe durch die halbe Kajüte geschleudert worden sein. Aber sie versteht sofort was hier passiert und übernimmt das Ruder, sodass ich zum Bug hechten und das Gennaker bändigen kann. Dann ist die Böe auch schon wieder vorbei. Wir schweben in völliger Stille. Die See ist glatt als hätte jemand ein Bügeleisen darüber gezogen. Dieser Zustand ist beinahe erschreckender als die heftige Böe davor.
Keine Zeit zum Staunen. Ich berge das Gennaker, stecke zwei Reffs ins Groß, ziehe ein Stück Genua heraus. Dann kommt die nächste Böe – schwächer, aber sicherlich sechs bis sieben Beaufort. Dann wieder Stille. Der Windanzeiger im Masttop dreht sich wild wie ein Karussell. Wir sind ebenfalls auf Hundertachtzig, vollgeladen mit Adrenalin. Böe, Nichts, Böe, Nichts – so geht es die nächste Stunde. Jenny hat alle Hände voll zu tun um Pegasus eine Richtung zu geben. Wer könnte das, wenn nicht sie.
Gegen drei Uhr morgens pendelt sich der Westwind ein. Noch böig, aber die Böen werden schwächer, es entwickelt sich so etwas wie ein Grundwind. Ich übergebe die Wache an Jenny und versuche zu schlafen.
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| Durchhalten heißt die Devise |
Von dem aufbrausenden Westwind ist nur noch ein laues Lüftchen übrig. Die See liegt wieder still. Spanien ist dreißig Meilen entfernt.
Wir fahren unter Maschine in den letzten Flautentag hinein. Die Nacht hat an unseren Kräften gezehrt und die Hitze von über dreißig Grad lässt keine Erholung zu. Nach den Monaten der Reise können wir unsere Kräfte gut einschätzen aber das bedeutet auch, das man sie einteilt. So sitzen wir still und stumpf in der Plicht. Trinken so viel wir können, schützen uns vor der Sonne, reden wenig, den Blick starr nach vorne gerichtet. Die See nimmt ein tiefes Opalblau an dessen Anblick ungemein erfrischend wirkt – aber ich kann mich nicht in der Vorstellung verlieren hier zu schwimmen und muss es ignorieren. Um uns herum springen die Thunfische aus dem Wasser. Leichte Beute. Aber mir fehlt die Energie die Leine auszuwerfen. Wozu auch, der arme Fisch wäre verrottet bevor wir im Hafen wären. So versuchen wir selbst mit der Kraft unsrer Gedanken Pegasus nach Süden zu treiben.
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| Land in Sicht! |
Jenny sieht es zuerst. Es muss kurz nach Mittag gewesen sein. „Schau doch, da vorne liegt Spanien." Ich kann es zuerst nicht glauben – halte das Land für tief hängende Wolken. Doch Jenny hat recht. Schicht für Schicht zeichnen sich blaue Bergreihen am Horizont ab. Aus dem Blau wird Grün. Bald erkennt man Bäume, Büsche, grüne Wiesen auf Berghängen. Wir überqueren den über tausend Meter tiefen Canyon de Cap Breton, weichen zwei Fischerbooten aus die hier auf Thunfischjagd sind, und erkennen die Küste vor San Sebastián. Das viele Grün überrascht uns und belebt uns. Allein der Wechsel von endlosem Blau in allen Nuancen zu der lebendigen Vegetation gibt uns neue Energie. Nur noch fünf Meilen. Nur noch drei. Wir zählen die Kabellängen.
Pegasus' Bug durchschneidet noch ein paar unverschämte Wellen die uns die spanische Küste entgegenwirft. Dann schwimmen wir in La Concha, der Bucht von San Sebastián. Nach fünfzig Stunden auf hoher See kommt uns alles unglaublich eng und chaotisch vor. Eine Fähre von links, die nächste von rechts – und dazwischen schwimmen tatsächlich Menschen während wir Leinen und Fender klar machen. Der Hafen selbst ist winzig, zumindest fühlt er sich für uns so an. Ich steuere Pegasus durch die Einfahrt, an den Jugendlichen vorbei für die es hier offenbar Nationalsport ist von den Kaimauern zu springen – barfuß, lachend, ohne einen Blick auf uns zu werfen. In einer anderen Welt. Einer in der man Energie hat.
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| Im Hafen von San Sebastián |
Dann haben wir nur noch ein Ziel: runter vom Boot, rein in die Stadt, einen schattigen Ort finden. Und ein kaltes Bier.








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